Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

03.09.2002

Zusätzliche Vitamine meistens nicht nötig

Wir essen zu viel, zu fett, zu süß, zu salzig


Die Ernährungsgewohnheiten in den westlichen Industrieländern sind gekennzeichnet durch das letztendlich tödliche Quartett: zu viel, zu fett, zu süß und zu salzig. Die daraus resultierenden Gefahren einer frühzeitigen, rasch progredienten Arteriosklerose mit den Zivilisationsgeißeln Herzinfarkt und Schlaganfall, aber auch Alterszucker und Krebserkrankungen, sind allgemein bekannt.

Eine immer wieder gestellte Frage ist, ob es einen Mangel an Mikronährstoffen gibt, gewissermaßen einen „Mangel im Überfluss“, der die Schäden mitverursacht und dessen Ausgleich diese beseitigen. Zu den Mikronährstoffen geh ören Vitamine, Spurenelemente, essentielle Aminosäuren, mehrfach ungesättigte Fettsäu ren, L-Carnithin und Flavonoide. Wissenschaftliche Grundlage für den kausalen Einsatz von Mikronährstoffen zur Prävention und Therapie ernährungsbedingter und chronisch-degenerativer Erkrankungen ist die Orthomolekulare Medizin(ortho = richtig, molekular = kleinster Baustein).

Der Nobelpreisträger Linus Pauling machte diese junge Wissenschaft in den 70-er Jahren populär, indem er quasi im Selbstversuch täglich mehr als 1g Vitamin C gegen Krebs und Viruskrankheiten zu sich nahm und ein biblisches Alter von 93 Jahren erreichte. Wissenschaftlich gesichert ist ein Tagesbedarf von mindestens 75mg. Wie bei anderen Vitaminen ist auch der Vitamin-C-Verbrauch bei schweren körperlichen Anstrengungen, bösartigen Erkrankungen, Röntgenbestrahlungen, Infektionskrankheiten sowie während Schwangerschaft und Stillperiode erhöht. Er übersteigt jedoch 300mg täglich nicht.

Die Einnahme von 1g Vitamin-C täglich ist deshalb nicht nur überflüssig, sondern auch Geldverschwendung, da es schnell mit dem Urin ausgeschieden wird. Die früher bei langen Schiffsreisen auftretende echte Vitamin-C-Mangelkrankheit, der Skorbut, ist durch den regelmäßigenVerzehr von Obst- und Gemüse, insbesondere Zitrusfrüchten, mittlerweile verschwunden und mit ihr auch die typischen Krankheitszeichen wie Muskelschwäche, Blutungen und Zahnverlust. Wir unterscheiden fettlösliche Vitamine(A,D,E,K) von wasserlöslichen Vitaminen(B1,B2,B6,B12 u. Vit.C). Fettlösliche Vitamine können nur bei intakter Fettverdauung bzw. -resorption in die Blutbahn gelangen. Fehlt das Gallensekret, zum Beispiel beim Gallenwegsverschluss, oder produziert die Bauchspeicheldrüse bei einer chronischen Pankreatitis zu wenig Pankreassekret, so kommt es zum Absetzen von „Fettstühlen“ und die Resorption über die Darmschleimhaut unterbleibt.

Überdosierungen von Vitamin- A und - D können schwere Gesundheitsschäden hervorrufen, während diese bei wasserlöslichen Vitaminen nicht vorkommen. Vitamin-A-Mangel führt zur Nachtblindheit, Vitamin-D-Mangel beim Erwachsenen zum Knochenschwund und beim Kind zur Rachitis, im Volksmund auch Englische Krankheit genannt. Mangel an Vitamin-K führt zu Blutgerinnungsstörungen, während ein Mangel an Vitamin-E, das vor allem in Getreidekeimen und Pflanzenölen enthalten ist, keine sichtbaren Erscheinungen produziert. Als Antioxidanz und Radikalenfänger soll es aberdie Arteriosklerose günstig beeinflussen und bei langfristiger Einnahme Gelenkschmerzen lindern. Mangel an Vitaminen der B-Gruppe führt vor allem zu Nervenentzündungen mit Taubheitsgefühl und Mißempfindungen in den Gliedmaßen(B1), Hautentzündungen(B2, B6) und Blutarmut(B12, Folsäure).

Alle diese Vitamine werden von gesunden Menschen, die sich gesund ernähren, in genügender Menge aufgenommen. Eine zusätzliche Zufuhr ist daher nicht grundsätzlich erforderlich. Etwas Anderes ist es bei schweren Erkrankungen mit Schwäche des Immunsystems, in der Wachstumsphase, während Schwangerschaft und Stillzeit. Da kann ein wohldosierter 'Vitamin-Cocktail' durchaus Sinn machen. Bewährt und beliebt sind auch kurweise verabreichte „Aufbauspritzen“(Vitamin B-Komplex) bei Senior(inn)en zur Steigerung der Vitalität,obwohl sie keine Kassenleistung sind. Mit der reinen wissenschaftlichen Meßlatte ist das aber nicht zu begründen. Immerhin wird das oberste Gebot für die ärztliche Heilkunst dabei eingehalten: primum nihil nocere, was soviel bedeutet wie zu allererst nicht schaden!

Ihr Medicus