Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

20.11.2007

Worauf der Hausarzt achten muss

Diagnose und Therapie mit Augenmaß / Das therapeutische Fenster nicht verpassen / Häufige Fälle


Wer seltene Diagnosen häufig stellt , hat selten Recht, lautet eine alte Medizinerweisheit. Das gilt zweifelsohne für die meisten Beratungsanlässe in einer Hausarztpraxis.

Nach vorliegenden Statistiken ist der Hausarzt zu etwa 50 Prozent Schnellreparaturbetrieb, zu 30 Prozent Sozialstation, sprich Spezialist für Arbeitsunfähigkeiten, Atteste, Kuren etc. pp. Nur etwa 20 Prozent sind gravierenden oder chronischen Krankheiten zugeordnet. Soweit, so gut oder schlecht. Wie immer man/frau es sehen möchte.

Ein ganz häufiges Symptom sind Rückenschmerzen. Sie zählen zu den drei häufigsten Anlässen für die Arztkonsultation und auch für die Arbeitsunfähigkeiten. Was sind die Warnzeichen („red flags“) für komplizierte Rückenschmerzen? Insbesondere neurologische Ausfälle wie Blasen- und Mastdarmstörungen und Lähmungen in den Beinen. Dann sollte eine umfangreiche Diagnostik mit Röntgen, CT oder Kernspin erfolgen, um zeitgerechte chirurgische Maßnahmen nicht zu versäumen. Ist die Nervenwurzel durch die vorgeschobene Bandscheibe erst einmal „hinüber“, so wird sie sich „nimmer“ regenerieren. Das therapeutische Fenster sollte daher nicht verpasst werden! Im häufigsten Falle banaler Rückenschmerzen ohne neurologische Auffälligkeiten gelten die drei Elementarregeln: Bewegung(!), Wärme, Schmerzmittel. Eine stringente Ruhigstellung ist so überflüssig wie ein Kropf. Erst die Bewegung schafft die schmerzbefreiende Auflockerung, unterstützt von Schmerzmitteln, die anfangs regelmäßig einzunehmen sind.

Ein weiterer häufiger Fall sind Halsschmerzen, die oft übertherapiert werden. In fast 80 Prozent aller Fälle sind sie durch Viren ausgelöst. Nur bei eitrigen Belägen und hohen Temperaturen sind Antibiotica angezeigt. Das gilt vor allem für Kinder, bei denen bis zu acht Infekte im Jahr als normal gelten können. Oftmals sind es die Mütter, die die „Indikation“ zur aggressiven Therapie mit Antibiotica in falsch verstandener Fürsorge fürs eigene Kind nahezu erzwingen, gewissermaßen aus der Ungeduld des Herzens heraus.

Bei unkomplizierten Harnwegsinfekten genügt oft die alleinige Erhebung der Krankheitsvorgeschichte (Anamnese). Klagt eine Frau in den besten Jahren (20 bis 40 Jahre) lediglich über „Brennen und Schneiden“ beim Wasserlassen, so ist es ein banaler Harnwegsinfekt. Antibiotika über drei Tage schaffen schnell Abhilfe. Diese sind oft wiederkehrend, und es ist dann ratsam, sie für den Notfall zu bevorraten. Teststreifen und Harnsediment können in unklaren oder schweren Fällen die Diagnose sichern helfen. Die Austestung der Erreger auf Nährböden(Uricult) mit Erstellung eines Antibiogramms zur gezielten Antibiotikatherapie ist nur bei häufig wiederkehrenden und schweren Harnwegsinfekten erforderlich, insbesondere bei Beteiligung der Nieren. Als bedrohlich werden immer Schmerzen in der Brust empfunden, insbesondere linksseitig mit Ausstrahlung in den Arm.

Selbst jüngere Patienten unter 40 Jahren ohne jegliche Risikofaktoren wie hohes Cholesterin, Bluthochdruck, familiäre Belastung befürchten primär, einen Herzinfarkt zu erleiden. Dabei sind in dem genannten Alter am häufigsten Verspannungen und Irritationen im Bereich der Wirbelsäule, des Rückens und der Zwischenrippenräume die Ursache, gefolgt von Angststörungen, die dementsprechend gut auf Beruhigungsmittel vom Typ der Benzodiazepine anspricht. Als Hausarzt wird man dennoch im Zweifelsfall lieber das „volle Programm“ fahren, zur Sicherheit und zur beiderseitigen Beruhigung. Wie heißt es bei Eugen Roth so schön: „Denn einmal nur die Angst verlacht, war diesmal sie nicht unbegründet! Hellauf schon brennt, was eben sich entzündet!“

Ihr Medicus