Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

04.01.2003

Wenn es in den Ohren klingelt...

Der Tinnitus: Eine Zivilisationskrankheit?


Immer öfter wird der Hausarzt aufgesucht wegen Ohrgeräuschen (Tinnitus), die ganz plötzlich und unerwartet die arglosen Patienten überfallen und häufig mit Hörstörungen verbunden sind. Die Geräuschqualitäten reichen von Brummen, Sausen über Klingeln und Pfeiffen und variieren individuell sehr stark.

Gemeinsam ist diesen Geräuschen eine erhebliche Verunsicherung der jeweiligen Person. Denn der „kleine Mann im Ohr' wird durchaus nicht immer als solcher betrachtet. Man befürchtet Schreckliches, vom Hirntumor bis zur Geisteskrankheit. Aber, gemach, in den allermeisten Fällen bleibt die Ursache der Ohrgeräusche ungeklärt, was soviel bedeutet wie: eine lebensgefährliche Erkrankung ist ausgeschlossen.

Sehr häufig sind in unserer hektischen Zeit psychische Stresssituationen die Ursache. Wenn man zuviel um die Ohren hat, dann klingelt es halt in den Ohren. Dennoch bedarf es der fachärztlichen Abklärung mit Hörtest, Computertomographie und bisweilen auch der Kernspin-Tomographie, um seltene tumoröse Prozesse des Innenohres und Felsenbeins auszuschließen. Bei pulsierenden Ohrgeräuschen ist auch eine Ultraschall-Untersuchung der Halsschlagadern angebracht, um Gefäßverengungungen rechtzeitig aufzuspüren.

Internistische Erkrankungen wie zu hoher oder zu niedriger Blutdruck sollten ebenso ausgeschlossen werden wie Blut- oder Stoffwechselerkrankungen. Bleiben die aufgeführten Untersuchungen ohne konkretes Ergebnis, so ist eine symptomatische Therapie angebracht, was im Klartext heißt: Schadensbegrenzung, Linderung der Beschwerden. In erster Linie bietet sich eine durchblutungsfördernde Therapie des Innenohres an.

Denn hier vermutet man als Hauptschädigung einen Sauerstoffmangel der Sinnesepithelien des häutigen Labyrinths des Innenohres. 5 bis 10 Infusionen mit gefäßaktiven Substanzen, auch in Kombination mit einer Sauerstofftherapie, haben sich als nützlich erwiesen. Bei manchen verschwinden daraufhin die Ohrgeräusche, aber längst nicht bei allen. Vielen bleibt der „kleine Mann im Ohr“ ihr Leben lang treu. Man muss sich also, wie in einer alten Ehe, miteinander arrangieren.

Liegt ein Hörverlust vor, so führt ein Hörgerät oft nicht nur zur Verbesserung des Hörvermögens, sondern auch des Tinnitus. Besser noch ist angenehme Hintergrundmusik oder Radiohören vor dem Einschlafen, um die Ohrgeräusche zu überlagern. Der größte Feind des Tinnituskranken ist und bleibt die Stille. Einige Patienten ziehen daher den „Tinnitus Masker“ vor, ein Gerät, das wie ein Hörgerät getragen wird und einen Ton produziert, der angenehmer ist als das eigene Ohrgeräusch und dieses übertönt.

Also, Musik ist Trumpf. Meiden Sie als Tinnituspatient die Stille, tauchen Sie ein in die Welt der Geräusche und freunden Sie sich mit dem „kleinen Mann im Ohr“ an, so gut es geht. Denn er kommt umso häufiger, je mehr Sie sich ärgern. Ihr Medicus