Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

03.07.2006

Wenn die Couch auspacken könnte

Sigmund Freud zum 150. Geburtstag / Von unbewussten Wünschen, Ängsten und Schuldgefühlen


Wenn ein junger Mann einem wohlgeformten Fräulein die Auslagen eines Modegeschäftes als prächtig dekolletiert anpreist, so handelt es sich um einen typischen Freudschen Versprecher, der jedem schon einmal unterlaufen ist. Schuld daran sind unsere unbewussten, triebgesteuerten Wünsche. Sigmund Freud, geboren am 6. Mai1856 im mährischen Freiberg, beschäftigte sich zeitlebens mit den Trieben und Wünschen, die im Unbewussten schlummern, und ist der Begründer der Psychoanalyse.

Nach Freud sind drei Instanzen für unser Seelenleben in einem ständigen Wettstreit: Es, Ich und Über-Ich. Das Es ist ein Konglomerat aus Trieben, Wünschen und Gefühlen, nur dem Bestreben nach Lustgewinn verpflichtet. Das Ich umfasst alle bewussten Denk- und Willensvollzüge und untersteht dem Realitätsprinzip. Über allem wacht als mahnende, bisweilen strafende Kontrollinstanz das Über-Ich, gleichzusetzen mit den gesellschaftlichen Normen und Werten.

Alle drei Instanzen stehen in einer Wechselbeziehung, wobei Freud der Entwicklung des Es, also der Sexualität, eine entscheidende Bedeutung für die Entstehung psychischer Störungen (Neurosen) und sexueller Abweichungen beimaß. Die glücklichsten Momente erlebt der Säugling an der Mutterbrust und lutscht in der oralen Phase noch eine Weile zum reinen Vergnügen an Daumen, Schnuller und was sonst noch greifbar ist. Wird diese Phase nicht vollends überwunden, so resultiert oft ein nicht bezähmbarer Zwang auf orale Genüsse wie Rauchen, Küssen oder Süßigkeiten.

Die zweite, nämlich anale Phase schöpft ihre Inspiration aus den Wonnegefühlen beim Wickeln und dem lustvollen Zurückhalten des Stuhlgangs. Überbleibsel dieser Neigung ist beim Erwachsenen der Geiz oder eine übertriebene Sammelleidenschaft. Der anale Typ ist überkontrolliert und neigt zu fixen Ideen.

In der phallischen Phase entdeckt das Kind schließlich sein eigenes Geschlecht. Der Knabe fühlt sich unbewusst sexuell zur Mutter hingezogen, der Vater wird zum Rivalen. Der Knabe befürchtet als Bestrafung die Kastration. Diese Gefühlskonstellation wird bekanntlich als Ödipuskomplex bezeichnet. Eine adäquate Form des Abwehrverhaltens gegenüber Ängsten und Schuldgefühlen aus der phallischen Phase ist die Identifikation des Knaben mit dem Vater. Dadurch übernimmt der Knabe die Norm- und Wertvorstellung des Vaters und der Gesellschaft.

Ein schlecht gelöster Ödipuskomplex wirkt sich oft negativ auf die spätere Partnerbeziehung aus. Männer suchen dann häufig eine viel ältere Partnerin oder entwickeln grundsätzlich Angst vorm anderen Geschlecht.

Er starb im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte an einer Überdosis Morphin

Im Zentrum jeder neurotischen Störung steht letztlich die Elternproblematik (Ödipuskomplex), die es mittels Psychoanalyse zu ergründen gilt. Dabei liegt der Analysand auf der berühmten Couch, der Analytiker sitzt hinter ihm, es entwickelt sich ein Gespräch. Dabei wird versucht, die Elternbeziehung auf den Analytiker zu projizieren (Übertragung). Positiven Falls kann der Analytiker nach vielen Settings das elterliche Fehlverhalten als verständnisvolleres Über-Ich korrigieren

Freud sieht in jeder Neurose das Resultat einer unvollständigen Verdrängung von Es-Impulsen durch das Ich. Um diesen Einbruch des Es-Impulses ins Verhalten abzuwehren, kommt es zur Ersatzbefriedigung durch neurotische Symptome wie Waschzwang, Tierphobien, Angststörungen, alle Formen der Hysterie. Freud führte trotz schwerer Krankheit (Gaumenkrebs 1923) bis zum Einmarsch der Nazis am 13. März 1938 seine Psychoanalytische Praxis in Wien fort.

Bevor er ausreisen durfte, musste er noch schriftlich betätigen, von den deutschen Behörden, insbesondere der Gestapo, gut behandelt worden zu sein. Er unterschrieb und fügte hinzu: „Ich kann die Gestapo nur jedermann auf das Beste empfehlen.“ Im Exil in London war ihm nur noch kurze Zeit vergönnt. Der Gaumenkrebs war wieder ausgebrochen.

Am 22.September 1939 beschloss Freud, dass es genug sei und ließ sich von seinem Arzt mehrere hohe Dosen Morphin injizieren Er starb im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.

Ich empfehle ihnen die ebenso amüsante wie interessante Lektüre von Christian Moser: „Sigmund Freud– Die Couch packt aus“.

Ihr Medicus