Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

18.07.2007

Wenn das Knie Geräusche macht

Arthrosen auf dem Vormarsch/Gelenkersatz für Hochbetagte


Der Mensch ist so alt wie seine Gefäße, lautet eine alte Medizinerweisheit. Er ist aber auch so alt wie seine Gelenke, muss man hinzufügen.

Während der Lebensfaden durch einen plötzlichen, arteriosklerotisch bedingten Herzinfarkt abrupt abgeschnitten wird, quält sich der Arthrotiker noch viele Jahre mit seinen Gelenkschmerzen bis zum vermeintlich erlösenden Gelenkersatz herum. Mehr als 20Prozent aller Senioren leiden an Arthrosen der unteren Extremitäten.

Das Kniegelenk als das größte und komplexeste Gelenk des Menschen ist am häufigsten befallen. Ab dem 65. Lebensjahr plagt sich mindestens jeder 10. mit Kniebeschwerden herum. Die Ursachen dieser „Gonarthrose“ sind vielfältig. Gene, Ernährung, Hormone und das Alter (Verschleiß) spielen eine gewichtige Rolle. Hinzu kommt das weit verbreitete Übergewicht, das Gelenkknorpel und Gelenkschleimhaut abnutzt und verschleißt.

Verletzungen und Operationen kommen hinzu. Nach Entfernung eines Meniskus, der gewissermaßen als Wasserkissen die Stöße des Oberschenkels auf den Unterschenkel abfedert, kommt es zum vorzeitigen Knorpelschaden bis hin zur sogenannten „Knorpelglatze“. Knochen reibt dann auf Gelenkschleimhaut. Die Folge ist eine Gelenkschleimhautentzündung(Synoviitis) mit Knorpeldestruktion, Ergussbildung und Verschmälerung des Gelenkspalts. Auffällig ist die schmerzhafte Bewegungseinschränkung mit fühl- und teilweise sogar hörbaren Reibegeräuschen über dem Knie. Es kommt zur Verschlimmerung der meist schon zuvor bestehenden Fehlstellung.

Typisch ist das zunehmende O-Bein älterer, adipositasgeplagter Frauen mit fast völliger Abnutzung des inneren Knorpelbelags, so dass der mediale Gelenkspalt auf dem Röntgenbild nicht mehr darstellbar ist.

Bis heute gibt es keine bewiesene konservative Therapie, die Progredienz der Gonarthrose aufzuhalten.

Bewegung, insbesondere Gymnastik, physikalische und Balneotherapie können aber die Funktion verbessern und den Schmerz lindern. Die Devise lautet: bewegen ohne zu belasten! Schwimmen und Radfahren sind daher günstig.

Sportarten mit „stop and go“ wie Fußball und auch Tennis oder Sprungsportarten sind besser zu meiden. Weiche Schuhsohlen und Pufferabsätze wirken stoßdämpfend.

Die Erhöhung des äußeren Schuhrandes bei O-Beinen kann Knieschmerzen positiv beeinflussen, ebenso wie Innenranderhöhung bei X-Beinen. Kniebandagen verbessern die Gelenkführung und helfen den Belastungsschmerz verringern. Magnetfeldtherapie und pulsierende Signaltherapie regen die Knorpelzellen an. Der Beweis, ob wirklich belastungsfähiger Knorpel gebildet wird, steht noch aus.

Bei einer aktivierten Arthrose mit zeitweiliger Ergussbildung kann die Einbringung radioaktiven Materials (Radiosynoviorthese) die entzündlichen Aktivitäten und Beschwerden zum Abklingen bringen. Das Vollbild des Therapieerfolges zeigt sich allerdings erst nach einem halben Jahr.

Immer wieder werden Chondroprotektiva, also Knorpel schützende und aufbauende Substanzen, angepriesen und ausprobiert. Nur für Glucosaminsulfat konnte bisher ein knorpelaufbauender und schmerzlindernder Effekt langfristig nachgewiesen werden.

Gute Erfahrungen habe ich in meiner Praxis mit Hyaluronsäure gemacht. Diese mittlerweile gentechnologisch hergestellte körpereigene Substanz dient als Stoßdämpfer und „Gelenkschmiere“. Fünf Injektionen in wöchentlichen Abständen direkt in den Gelenkspalt verbessern deutlich Gehvermögen und Schmerzen.

Beim Reizerguss ist nach wie vor die Kortisongabe unverzichtbar, um die Entzündung und damit den Schmerz zu beseitigen. Bei der Gonarthrose ohne Reizerscheinungen führte auch die Traditionelle Chinesische Akupunktur (TCA) zur Verbesserung der Beschwerden.Es gab jedoch keinen statistischen Unterschied zwischen TCA und Sham-Akupunktur (keine definierten Punkte), so dass hier eher ein Placeboeffekt vorliegen dürfte.

Bei fortgeschrittener Arthrose und ausgeschöpfter konservativer Therapie, einschließlich kontinuierlicher Schmerztherapie bis hin zum Schmerzpflaster, wartet der Gelenkersatz, der heutzutage und hierzulande bei gutem Allgemeinzustand sogar Hochbetagten noch zugestanden wird.

Unter dem Kosten-Nutzen Aspekt ist dieses Vorgehen auch sinnvoll, denn ein Gelenkersatz bedeutet Mobilität. Statt kostenintensiver Bettlägerigkeit wird dem älteren Menschen zu einem relativ schmerzfreien und bewegungsfreudigen Lebensabend verholfen.

Ihr Medicus