Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

07.10.2005

Wachsamkeit und Vorbeugung wichtig

Wie gefährlich ist die Vogelgrippe ?


Seit sich die Vogelgrippe von Südostasien bis nach Kasachstan ausgebreitet hat, herrscht auch bei uns Angst vor der gefährlichen Infektionskrankheit, die bei Übertragung auf den Menschen für jeden zweiten tödlich endet. Die Gefahr kommt näher, aber zunächst nur für Hühner, Gänse & Co. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch wurde bislang noch nicht beobachtet.

Falls das H5N1-Virus tatsächlich auf dem Luftweg mit den Wildgänsen Deutschland erreichen sollte, so drohen in erster Linie dem freilaufenden Geflügel Infektionen, die nur bei engem Kontakt auf Personen wie Geflügelzüchter und Tierärzte übertragen werden. Es ist daher wenig sinnvoll die Freilandhaltung von Geflügel zu verbieten wie vom Verbraucherschutzministerium beabsichtigt. Denn die Ausbreitung der Geflügelkrankheit wird eher durch sich überlappende Brutgebiete von Wildvögeln oder durch illegale Geflügelimporte und Schmuggel von Singvögeln verbreitet.

Erkrankte Tiere scheiden das Virus mit dem Kot aus. Die Infektion erfolgt dann durch Inhalation kontaminierter Stäube oder durch mangelnde Händedesinfektion. Die Ausbrüche der Vogelgrippe bei Mensch und Tier in Südostasien seit Dezember 2003 erklären sich aus der räumlichen Nähe von Mensch und Tier. Sie leben wie bei uns früher vielfach noch alle unter einem Dach.

Bei Rückkehrern aus den Endemiegebieten Südostasiens mit plötzlich auftretendem Fieber, Husten, Luftnot, aber auch Durchfällen sollte nicht nur an Malaria oder Darmerkrankungen, sondern auch an die Vogelgrippe gedacht werden. Ein Influenza-Schnelltest, der alle Grippeviren erfasst, kann erste Aufklärung bringen. Falls positiv sollte sofort die Behandlung mit einem Neurominidasehemmer (Tamiflu 2x1 Tbl.) begonnen werden. Danach erfolgt eine weitere Subtypisierung über das Großlabor, denn es könnte sich auch um eine ganz „normale“ Influenza handeln, die in Südostasien das ganze Jahr über endemisch (*) ist. Tamiflu ist in der Prophylaxe und Therapie gleichermaßen wirksam.

Die herbstliche Influenza-Impfung schützt dagegen leider nicht. Sie ist dennoch möglichst vielen zu empfehlen, da nur eine breite Immunisierung das befürchtete Zusammentreffen beider Viren mit Verschmelzung des Erbgutes und das Entstehen eines „Monstervirus“ verhindert, der eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch erst ermöglichen würde.

Einen spezifischen Impfstoff gegen die Vogelgrippe gibt es zur Zeit noch nicht. Man arbeitet mit Hochdruck an neuen Herstellungstechniken, da die herkömmlichen Verfahren im Falle einer Pandemie (seuchenartige Ausbreitung) die benötigten Mengen nicht liefern können. Auch würde es mindestens drei Monate nach Ausbruch einer Epidemie dauern, bis das auslösende Virus sicher identifiziert und die massenhafte Herstellung angelaufen ist.

Einstweilen bleiben nur vorbeugende Maßnahmen sowie die medikamentöse Therapie und Prophylaxe mit Tamiflu. Südostasienreisende sollten Geflügelmärkte und Tierfarmen meiden und im Falle unklarer Fieberzustände einen Arzt aufsuchen. Zur Panik besteht bislang kein Anlass.

Von Dezember 2003 bis August 2005 erkrankten in Südostasien lediglich 112 Menschen an der Vogelgrippe, obwohl die Geflügelpest, wie sie auch genannt wird, in vielen Ländern Asiens grassierte. Entscheidend war das schnelle Eingreifen der Behörden mit Isolierung der Erkrankten und Eliminierung des verseuchten Geflügels. Es bleibt zu hoffen, dass die Wachsamkeit nicht nachlässt.

Ihr Medicus

*endemisch = in größerer Zahl ständig vorhandene Anzahl von Erkrankungen