Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

12.09.2008

Vom Problemkeim zum Heilsbringer?

Neues vom Helicobakter / Nach Karies der häufigste Keim im menschlichen Körper


Bekannt ist, dass der korkenzieherähnliche Problemkeim Helicobakter für die meisten Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre verantwortlich ist und in diesen Fällen mittels Tripeltherapie ausgerottet gehört. Geteilter Meinung ist die Fachwelt jedoch, ob er generell, insbesondere als Zufallsbefund zu eradizieren ist.

Immerhin tragen bis zu 100 Prozent aller Menschen in den Entwicklungsländern diesen Keim in ihrem Magen, die allermeisten davon ohne jegliche Krankheitserscheinungen. In unseren zivilisierten und ach so hygienischen Breiten sinkt die Infektionsrate unter 30 Prozent, dank der verbesserten Hygiene und der häufigen Antibiotikatherapie bei Kindern, z.B. bei Mittelohrentzündungen.

Ganz ohne Nutzen scheint dieser Keim aber dennoch nicht zu sein. Der Mikrobiologe Dr. Martin Blaser, Professor an der renommierten New York University of Medicine, hat bereits in den 90-igern festgestellt, dass ein Verschwinden des Keims öfters mit vermehrter Fettleibigkeit und Speiseröhrenkrebs verbunden ist. Neuerdings berichtete er über eine erhöhte Anfälligkeit für Asthma bronchiale bei Kindern ohne Helicobacterinfektion.

Nach Blaser ist es ein Fehler, den Keim generell als pathogen zu betrachten. Eher ist das spiralförmige Bakterium, das übrigens nach Karies der häufigste Keim im menschlichen Körper ist, teils nützlich, teils schädlich. Schon die Säugetiermägen vor 150 Millionen Jahren wurden von seinen Verwandten besiedelt. Seine direkten Vorfahren haben auch schon den Homo sapiens vor 60.000 Jahren „besiedelt“.

Mensch und Keim hatten also eine lange Zeit, sich aneinander zu gewöhnen, auch zu beider Nutzen. Man nennt das eine Symbiose. Der Keim produziert ein Protein(CAG), das die Säureproduktion hemmt, während es gleichzeitig toxisch auf die Magenwand wirkt und Geschwüre hervorrufen kann. Durch die antibiotische Therapie, auch im Rahmen der Eradikationstherapie, verschwindet der Keim, dafür steigt die Säureproduktion im Magen mit der Gefahr eines Säurerefluxes in die Speiseröhre.

Die Folge sind Entzündungen und Geschwüre in der unteren Speiseröhre und langfristig Speiseröhrenkrebs. In diesem Falle ist die Eradikation des Bakteriums nicht von Vorteil. Nach Auswertungen von Daten der amerikanischen Gesundheits- und Ernährungsbehörde fand Blaser auch einen Zusammenhang zwischen kindlichem Asthma und der Infektion mit Helicobakter pylori( H.p). Kinder zwischen 3 bis 13 Jahren, die mit H.p. infiziert waren, hatten zu 60 Prozent weniger Asthma als nicht infizierte Gleichaltrige.

Ursache für dieses kleine Wunder ist wohl die Stärkung des Immunsystems durch den ansonsten ungeliebten Keim. Seine Abwesenheit führt dagegen zu einer Überreaktion des Immunsystems auf eigentlich vertraute und harmlose Substanzen, wie Pollen und Milben. Die Ergebnisse entsprechen der schon länger diskutierten „Hygiene-Hypothese“, dass zuviel Sauberkeit in unserer modernen Welt („Keimfreiheit“) das Immunsystem unserer Kinder zu wenig fordert, und es sich gewissermaßen alternativ auf vermeintliche Feinde wie Pollen, Stäube oder Milben stürzt. Die Folge ist eine drastische Zunahme von Allergien und Asthma bronchiale.

Dennoch zählt der Keim bislang nur in seiner Eigenschaft als Auslöser von Geschwüren und Magenkrebs(Malt-Lymphom). Dabei ist auch diese Sache sehr komplex.

Keinesfalls führt die Mikrobe schnurstracks und unaufhaltsam zu Geschwüren. In der Vergangenheit wurden die meisten Menschen in der frühen Kindheit mit H.p. von älteren Geschwistern infiziert, ohne dass sie erkrankten.

Geschwüre traten überwiegend nur bei Patienten in den sogenannten besten Lebensjahren auf, also in den 30-igern und 40-igern und bevorzugten das männliche Geschlecht (3:1), während die Infektionsraten bei beiden Geschlechtern gleich hoch sind.

H.p. hat auch Effekte auf 2 Hormone, die den Appetit kontrollieren: Ghrelin, das Hungergefühle auslöst und Leptin, welches das Gegenteil bewirkt.

Menschen ohne Helicobakter produzieren mehr Ghrelin als Personen mit dem Keim. Blaser vermutet daher einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden des Keims und der um sich greifenden Fettleibigkeit in den reichen Ländern, was aber keineswegs gesichert ist.

Helicobakter pylori wird uns auch 25 Jahre nach seiner Entdeckung durch die beiden Australier Marshall und Warren weiter beschäftigen, nicht nur als „krummer Hund“, der Geschwüre auslöst und Krebs verursacht, sondern durchaus auch als harmloser Begleiter und, wie oben aufgeführt, als teilweise nützlicher Keim, der Allergien und Asthma verhüten kann!

Ihr Medicus