Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

23.04.2003

Viren größere Gefahr als Bakterien

In Epidemie-Gebieten Gesichtsmasken benutzen


Die schwierigsten Fragen sind immer die, auf die man keine ehrliche Antwort geben kann, wie beispielsweise die Frage nach der Zweckmäßigkeit einer Pockenschutzimpfung. Mit dem Beginn des Irakkrieges stieg zwar die Gefahr bioterroristischer Angriffe, die Pockenerkrankung an sich ist aber laut WHO seit 1977 dank konsequenter Durchimpfung der Weltbevölkerung ausgerottet. Davor war sie weltweit verbreitet und raffte in Seuchenzügen bis zu 30 Prozent der jeweiligen Bevölkerung hinweg.

Die letzte Pockenepidemie in Deutschland war 1958. Damals schleppte ein deutscher Arzt die Pocken aus Indien ein, wo er Pockenquartiere besichtigt (!) hatte. Trotz typischer Hautausschläge (Papeln, Pusteln) mit hohem Fieber ging er weiter arbeiten und infizierte viele Kontaktpersonen seiner Klinik, von denen zwei starben.

Eine „Einschleppung“ dieser Art ist heute nicht mehr möglich. Es existieren jedoch in den USA und Rußland in einigen Laboratorien Virusstämme zu Forschungszwecken. Eine Zweckentfremdung durch terroristische Gruppen und der Missbrauch als Biowaffe ist daher nicht völlig auszuschließen. Die Bundesregierung hat aber vorgesorgt. Rund 50 Millionen Impfdosen sind eingelagert und sollen bis zum Jahresende auf 100 Millionen aufgestockt werden. Im Falle einer drohenden Epidemie kann die gesamte Bevölkerung innerhalb von fünf Tagen durchgeimpft werden. Bislang ist lediglich die Impfung für das Personal in Kompetenzzentren oder Laboratorien vorgeschrieben, die als erste mit dem Virus in Kontakt kommen.

Während die Pockenviren (noch) friedlich in den Reagenzgläsern schlummern, ist eine neue Viruserkrankung aus Südostasien hochaktuell, die als schweres akutes Atemwegssyndrom bezeichnet wird, abgekürzt SARS. Mittlerweile sind fast 3.000 Erkrankungsfälle weltweit gemeldet, davon über 100 Todesfälle. In Deutschland liegt die Zahl der Erkrankungsfälle bislang noch unter zehn.

96 Prozent der SARS-Erkrankten überleben

SARS verläuft wie eine schwere Grippe mit hohem Fieber und Atemwegsbeschwerden. SARS mag infektiöser sein als Ebola, das hämorrhagische Fieber im afrikanischen Urwald. Die Krankheit verläuft aber selten tödlich, 96 Prozent der Erkrankten überleben, der Verlauf ist oft milde und komplikationslos. Der Erreger kommt aus dem infektionsbiologischen Hexenkessel Südostasien, wo viele Menschen dicht an dicht mit Schweinen, Rindern und Hühnern zusammenleben und immer neue Krankheitserreger entstehen, die sich in Windeseile um den Globus verbreiten.

Die Gen-Sequenz des SARS-Erregers stammt aus der ansonsten harmlosen Familie der Coronaviren, die eine SARS-ähnliche Tierkrankheit verursachen. Mit einer weltweiten Epidemie ist aber nicht zu rechnen, da das ursprünglich tierpathogene Virus nach einigen Übertragungen von Mensch zu Mensch seine Ansteckungsfähigkeit verliert.

Ein Phänomen, das auch bei Ebola bekannt ist und schnell zu einer Begrenzung der Epidemie führt. Solange sich die Krankheit weiter ausbreitet, ist aber Vorsicht angebracht. Von Reisen nach China, Hongkong und Singapur ist vorerst abzuraten. Reisende in Epidemie-Gebiete sollten Gesichtsmasken mitnehmen und Menschenansammlungen meiden. Die Virologie hat seit Aids enorm an Bedeutung gewonnen, denn Viren sind potenziell viel gefährlicher als Bakterien. Sie haben keinen eigenen Stoffwechsel, sondern „bedienen“ sich diesbezüglich bei Mensch und Tier, vermehren sich rasant, verändern ständig ihre Erbsubstanz und sind dadurch von unserer Immunabwehr und Medikamenten nur schwer zu besiegen. Vielfach fehlt auch ein wirksamer Impfstoff oder er muss erst noch entwickelt werden. Ihr Medicus