Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

19.09.2002

Viele Ursachen und viele Behandlungswege

Was ist Schwindel und was kann man tun ?


In Hitchcocks Film „Vertigo“ (lateinischer Ausdruck für Schwindel) kommt der Kommissar durch Höhenangst in Schwierigkeiten. Er ist gewissermaßen nicht schwindelfrei, da ihm die visuellen Fixpunkte fehlen. Vielen Menschen geht es ähnlich, auch ohne Höhenangst. Ihnen ist einfach nur schwindelig, was sie zutiefst beunruhigt und letztlich zum Arzt treibt.

Was aber ist Schwindel? Von Descartes stammt der Ausspruch: Bevor wir diskutieren lasst uns die Begriffe klären! Schwindel im eigentlichen Sinne entsteht durch fehlende Übereinstimmung zwischen den vesti bulären (Gleichgewicht), propriorezeptiven(Muskelsinn) und optischen Empfindungen. Es eröffnet sich ein enormes Spektrum an Differenzialdiagnosen. Auch plötzliche Bewusstlosigkeiten (Synkopen) mit und ohne Sturzereignis zählen zu diesem Formenkomplex. Wir unterscheiden den unsystematischen (ungerichteten) Schwindel vom systematischen(gerichteten) Schwindel. Ersterer kommt einher mit den Symptomen Benommenheit, Taumeln, Flimmern und Schwarzwerden vor den Augen. Ursachen sind zu hoher oder zu niedriger Blutdruck, aber auch Herzrhythmusstörungen, Stoffwechselentgleisungen(z.B.beim Diabetes), Medikamente und psychische Belastungen, die zum phobischen Attackenschwindel führen können. Der „echte“ oder besser systematische Schwindel ist ein Dreh- oder Liftschwindel und besteht aus einer rotatorischen (Bogengänge) und linearen Komponente (Utrikulus/Sacculus). Auch der gutartige Lagerungsschwindel als dritthäufigste Form gehört dazu. Typisch ist die Auslösung durch eine bestimmte Körper- oder Kopfposition. HNO-ärztlich wird der „echte“ Dreh- und Liftschwindel anhand des Augenzitterns (Nystagmus) mittels einer sogenannten Frenzel-Brille mit hoher Dioptrienzahl(+20 dptr) auf dem Drehstuhl diagnostiziert, wobei die den Nystagmus unterdrückende Blickfixierung verhindert wird.

Die heutigen apparativen Möglichkeiten können die Augenbewegungen immer perfekter eingrenzen, z.B. mit der Video-Nystagmographie und der Drehstuhluntersuchung. Audiogramme und akustisch evozierte Potentiale(AEP) weisen auf begleitende Hörstörungen hin. Die hochauflösenden Kernspintomographie ermöglicht den Nachweis organischer Ursachen vom Kleinhirnbrückenwinke ltumor bis zur Pseudoneuritis vestibularis bei der Multiplen Sklerose(MS).

Eine häufige Ursache des „echten“, d.h. systematischen Schwindels ist der Morbus Menière mit einem Häufigkeitsgipfel zwischen dem 40.und50. Lebensjahr. Leitsymptom sind wiederholte heftige Drehschwindel-Attacken mit Übelkeit, Erbrechen, wechselndem Tinnitus (Ohrgeräusch) und Druckgefühl im Ohr. Am Ende steht die Innenohrschwerhörigkeit, während die Drehschwindelattacken abklingen. Krankheitsauslösend ist ein endolymphatischer Hydrops, gewissermaßen ein Zuviel an Flüssigkeit im häutigen Labyrinth der Gehörschnecke.

Der kurze Exkurs in die Welt des Schwindels zeigt, dass es viele Ursachen gibt und natürlich mindestens ebensoviele Behandlungsmöglichkeiten. Für manche Schwindelformen hat sich eine Substanz bewährt, die auch Goethe schon faszinierte: Ginkgo biloba, ein 200 Millionen Jahre alter Baum. Seine Blätter-Trockenextrakte helfen nicht nur gegen die Vergesslichkeit im Alter, sie sollen sogar der Alzheimer-Demenz Paroli bieten. Ganz genau ist die Wirkungsweise der Flavonglykoside, dem eigentlichen Extraktauszug, immer noch nicht geklärt.

Insofern gilt das Dichterwort bis heute: dieses Baumes Blatt, das von Osten meinem Garten anvertraut, gibt geheimen Sinn zu kosten, wie‘s den Wissenden erbaut....Ihr Medicus