Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

10.06.2004

Viel hilft nicht immer viel

Wieviel Pillen verträgt der Mensch ?


Auf dem diesjährigen Kardiologenkongress in Mannheim gab es eine kleine Sensation. Nach Jahren der Klage über eine Untertherapie verschiedener Krankheiten wiesen Experten, allen voran die Dresdener Pharmakologin und Präsidentin des Kongresses, Prof. Ursula Ravens, auf die Gefahren eines pharmakologischen Aktionismus hin. Eine große Studie an 578 Notaufnahmen hatte nämlich ergeben, dass jeder 7. Patient wegen falscher Medikamenteneinnahme stationär behandelt werden mußte.

Dabei hatten die Patienten ihre Medikamente entweder nicht oder nicht richtig eingenommen. Andere hatten zwar brav alles geschluckt, die Medikamente aber wegen Neben- und Wechselwirkungen nicht vertragen. Vielfach handelte es sich um sogenannte multimorbide Patienten, also Personen mit vielen Krankheiten, die mit unterschiedlichen Medikamenten behandelt wurden, die sich gegenseitig negativ beeinflussten. Ein weiteres Problem ist die Behandlung durch verschiedene Ärzte, die alle nicht voneinander wissen und im festen Glauben dem Patienten etwas Gutes zu tun, des Guten zuviel tun.

Praxisgebühr und die erforderliche Überweisung zum Facharzt werden dieses Informationsdefizit in Zukunft beseitigen. Noch besser wäre eine Registrierung der wichtigsten Diagnosen und Medikamente auf der „Chip-Karte“, die mit den bisherigen Krankenkassendaten und Personalien chronisch „unterfordert“ ist. Aber das kommt frühestens 2006 mit der neuen Krankenversicherungskarte.

Bekommt ein Herzpatient mit schweren Herzrhythmusstörungen außer seinem Antiarrhythmicum(Propafenon) noch ein trizyklisches Antidepressivum(Imipramin), so erhöhen sich die Spiegel beider Substanzen im Blut, da sie über das gleiche Enzymsystem der Leber abgebaut werden. Es kann zur tödlichen Rhythmusstörung oder zu Vergiftungserscheinungen kommen. Die Verstoffwechselung einzelner Medikamente in der Leber sollte bekannt sein, ist es aber oft nicht. Bei über die Niere ausgeschiedenen Substanzen sind Alter und Nierenfunktion zu berücksichtigen.

Auf dem Kardiologenkongress wurden daher fünf goldene Regeln für die medikamentöse Therapie multimorbider Patienten empfohlen:

1. Sowenig wie möglich, soviel wie gerade nötig, keinesfalls mehr als 8 Tabletten pro Tag.

2. Therapeutische Prioritäten festlegen, d.h. bei jüngeren Patienten mit KHK und Herzinsuffizienz lebensverlängernde Substanzen bevorzugen, bei hochbetagten Multimorbiden mit gleicher Diagnose Medikamente, die den Alltag erleichtern.

3. Langwirksame und Kombinations-Präparate verabreichen.

4. Patientenwünsche berücksichtigen. Nahezu grausam ist es, einem Multimorbiden die 5. Substanz für sein schwaches Herz zu verordnen, ihm dafür aber sein geliebtes pflanzliches Schlafmittel wegzunehmen.

5. Die praktische Durchführbarkeit der Therapie zu hinterfragen. Will oder kann der Patient die vielen Pillen nicht mehr schlucken, sollte der Arzt rechtzeitig reduzieren, bevor der Patient alles absetzt. Ihr Medicus