Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

31.07.2002

„Unglückliche Wiederkehr“ vermeiden

Was bei Flugreisen zu beachten ist


Darf ich fliegen? Mit dieser Frage wird der Hausarzt recht oft von reiselustigen, älteren Patienten und solchen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Lungenkrankheiten immer häufiger konfrontiert.

Voraussetzung für eine kompetente Beratung der Flugreisenden sind Kenntnisse über die Bedingungen in modernen Passagierflugzeugen. So nimmt bekanntlich der Luftdruck und mit ihm der Sauerstoffpartialdruck in der Einatmungsluft mit zunehmender Höhe ab, was jedoch durch die Druckkabinen in modernen Flugzeugen weitgehend ausgeglichen wird. Der Passsagier wird einem Luftdruck ausgesetzt, der einer Höhe von etwa 2.000 Metern entspricht. Dieses geht mit einem milden Sauerstoffmangel (Hypoxie) einher. Die Sauerstoffsättigung im Blut sinkt von 98 auf etwa 90 Prozent ab. Reflektorisch steigen Herz- und Atemfrequenz.

Für einen Gesunden ist dies unproblematisch, für einen kranken Organismus kann es jedoch gefährlich werden. Deshalb sollten blutarme Patienten mit einem Hb-Wert unter 9g% nach Möglichkeit nicht fliegen. Auch bei Patienten mit Ateminsuffizienz, wie schweren,chronischen Bronchitikern, Emphysematikern, ist größte Vorsicht geboten. Patienten mit Herzmuskelschwäche muss nicht unbedingt von einer längeren Flugreise abgeraten werden, da die milde Hypoxie im Jet die Lungenschlagader verengt und zur Verringerung der Volumenbelastung (Vorlast) des linken Herzens führt. Mit Dekompensationszeichen wie Luftnot und Beinoedemen sollte allerdings das Fliegen unterbleiben.

Problematisch ist auch die Situation bei Patienten mit Rechtsherzbelastung (Corpulmonale).Die Verengung der Lungenstrombahn führt zu einer vermehrten Rechtsherzbelastung, die eine Sauerstoffgabe während des Fluges erforderlich machen kann.

Ansonsten ist es durchaus vertretbar, bereits zwei Wochen nach Bypass-OP, Ballondilatation oder Stentimplantation eine Flugreise anzutreten. Nach unkomplizierten Infarkten sollte ein Zeitraum von drei Wochen, nach komplizierten Infarkten von sechs Wochen eingehalten werden.

Vollständig fluguntauglich sind Patienten mit instabiler Angina pectoris, also diejenigen, die ständig ihr Nitro-Spray anwenden müssen und Patienten mit schweren Herzrhythmusstörungen.

Diabetiker sind prinzipiell flugtauglich, wenn sie gut geschult sind und nicht zu Unterzuckerungen neigen. Die intensivierte flexible Insulintherapie nach dem Basis-Bolus-Konzept muss an die Zeitverschiebung mit veränderter Nahrungsaufnahme angepasst werden. Typ-2-Diabetiker, die diätetisch und medikamentös ihren Zucker behandeln, sollten ebenfalls in der Lage sein, ihren BZ zu bestimmen, wenn sie mehrere Zeitzonen überfliegen.

Ein weiteres Risiko, insbesondere bei Langstreckenflügen in engen Sitzreihen, besteht im Auftreten tiefer Beinvenenthrombosen, auch als Economy-class-Syndrom bezeichnet.

Gefährdet sind vor allem Patienten mit angeborener oder erworbener erhöhter Gerinnungsneigung und Krampfadernträger. Bei schon abgelaufenen Thrombosen oder gar Lungenembolien sollte immer vor Hin- und Rückflug die Injektion eines niedermolekularen Heparins unter die Haut erfolgen.

Ansonsten gilt die Devise: während des Fluges viel Aufstehen, umhergehen und viel trinken, aber keinen Alkohol! Für die moderne Reisemedizin gilt immer noch der Goethesche Leitspruch aus Wilhelm Meisters Wanderjahre: „unvorbereitetes Wegeilen bringt unglückliche Wiederkehr“.

In diesem Sinne!

Ihr Medicus