Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

28.01.2004

Überalterung und Multimorbidität

Geriatrie, ein Fach mit Zukunft


Nicht nur die Spatzen pfeifen es von den Dächern, sondern auch die Politiker scheinen zu begreifen: Unser auf dem Generationenvertrag basierendes Sozialwesen ist mit den schmaler werdenden Beiträgen der immer kleiner werdenden Zahl steuernzahlender Berufstätiger nicht zu bezahlen. Besonders schmerzlich, im wahrsten Sinne des Wortes, gilt das für das Gesundheitswesen. Zehn Euro Praxisgebühr sowie eine kräftige Kostenbeteiligung bei den Medikamenten sind erst der Anfang!

Die wirklich große Reform kommt erst noch, vermutlich erst nach den nächsten Bundestagswahlen 2006. Bis dahin wird die politische Flickschusterei wohl noch ausreichen, die steigende Zahl der an Alterskrankheiten Leidenden zu versorgen. Bis zum Jahre 2030 wird der Anteil der über 65-Jährigen von derzeit 15,7% auf 24% steigen, jede(r) Vierte wird dann Greisin oder Greis sein– griechisch Geron. Die Lehre von der Altersmedizin wird folgerichtig Gerontologie, die ärztliche Hilfe und Betreuung Geriatrie genannt.

In Anbetracht der dramatischen Überalterung unserer Bevölkerung, die auch durch eine großzügige Einwanderungspolitik nicht aufzuhalten ist, handelt es sich um die gewaltigste Herausforderung unserer Gesellschaft seit dem letzten Krieg. Nicht das Altern an sich ist das Problem, sondern die mit dem Alter auftretenden Alterskrankheiten wie Adernverkalkung, Gelenkverschleiß, Herzmuskel- und Hirnleistungsschwäche bis hin zur Demenz, um nur einige zu nennen. Sie führen auf Grund ihrer Chronizität häufig zu Funktionsverlust und sozialer Isolation.

Diese Multimorbidität im Senium verursacht nicht nur steigende Kosten für die Krankenversicherung, sondern auch – was allzu oft vergessen wird – vielfaches Leid für den alten Menschen, der sich seinen Lebensabend so ganz anders vorgestellt hat. Statt sich in südlichen Gefilden wärmenden Sonnenstrahlen auszusetzen, jagt ein Arzttermin den anderen und die Zahl der Krankenhausaufenthalte steigt.

Sind die Kniee oder Hüften so verschlissen, dass es eines Gelenkersatzes bedarf? Halt, sagen Hausarzt und Kardiologe, das macht das Herz nicht mit! Und so werden Risiko und Nutzen sorgfältig gegeneinander abgewogen. Denn im Alter ist mitnichten nicht alles, was vordergründig hilft, auch sinnvoll. Allzu oft lautet sonst das Ergebnis: Operation gelungen, Patient(in) tot.

Das Schicksal, das nicht muss, macht unversehens Schluss

Die Geriatrie, also das Fachgebiet, das sich der alten, multimorbiden Patienten annimmt, ist hier mit seiner das Alter berücksichtigenden Diagnostik und Therapie besonders gefordert. Es fristet in Ausbildung und Praxis der demographischen Entwicklung zum Trotz immer noch ein Schattendasein. Stattdessen wird vielfach eine kostenintensive Überdiagnostik und -therapie betrieben, die weniger auf Lebensqualität, denn auf Lebensquantität ausgerichtet ist.

Oder wie es Eugen Roth so schön ausgedrückt: Ein Mensch, der willens lang zu leben, beschließt dem Tod zu widerstreben, und a) durch strenges Selbstbelauern die Krisenzeit zu überdauern, und b) zu hindern die Vermorschung durch wissenschaftlich ernste Forschung. Ein Mensch wie dieser muss auf Erden unfehlbar hundertjährig werden. Das Schicksal aber, das nicht muss, macht unversehens mit ihm Schluss. Ihr Medicus