Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

01.10.2002

Statue der Göttin trägt Mohnkapseln

Vom Umgang mit chronischen Schmerzen


Schmerzen zu lindern ist seit eh und je eine wichtige, wenn nicht gar die wichtigste ärztliche Aufgabe. Die Statue der Mohngöttin von Kreta aus dem 13.Jahrhundert vor Christus trägt eine Krone aus Schlafmohnkapseln. Diese zeigen bereits senkrechte Einschnitte zur Opiumgewinnung. Die Legionäre Roms gaben den Gekreuzigten Wein mit Myrrhe vermischt, um ihnen das qualvolle, lange Sterben zu erleichtern.

Einen verhängnisvollen Einfluss auf die Schmerztherapie hatte Galen(2.Jh.n.Chr.), der „Medizinpapst“ der Antike, dessen vielfach falsche Lehren zum Teil bis in die Neuzeit überdauerten. Er empfahl Opium nur einzusetzen, falls der Tod unmittel bar bevorstehe. Ansonsten würden die Opiate den Körper nur schädigen und die Schmerzursache nicht beseitigen.Der „Morphin-Mythos“ war geboren.

Die Vorurteile überlebten die Jahrhunderte, bis dem deutschen Apotheker Sertüner 1805 erstmalig die Isolierung des Morphins gelang. Dadurch betrat das Morphin gewissermaßen die wissenschaftliche Ebene und konnte gezielt und dosiert als Analgeticum eingesetzt werden.

Leider kam es durch die Herstellung größerer Mengen auch zur Entwicklung einer ersten „Drogenszene“, deren erste Konsumenten oft Künstler waren wie Charles Baudelaire, Autor von „Les fleurs du mal“ („Die Blumen des Bösen“), der Opiate zur Bewusstseinserweiterung nahm.

Der zunehmende Missbrauch des Morphinderivates Heroin seit den 60iger Jahren(Woodstock) tat ein Übriges, um die Verschreibung von Opiaten in die Nähe der Kriminalität zu rücken. Leid Tragende sind die Menschen mit chronischen Schmerzen, die mit den peripher wirksamen Analgetica wie Diclofenac, Ibuprofen, Acetylsalizylsäure(ASS) auch bei hoher Dosierung nicht schmerzfrei werden und sich den Magen verderben.

Unter chronische Schmerzen fallen keineswegs nur der Karzinomschmerz, sondern auch quälende Rückenschmerzen bei und nach Bandscheibenvorfällen, der Osteoporoseschmerz, Neuralgien bei Gürtelrose und nach Amputationen, um nur einige zu nennen. Es gilt, die Chronifizierung des Schmerzes zu vermeiden.

„Der Schmerz wird zum Selbstläufer“

Jeder länger andauernde Schmerz führt zur Ausbildung eines „Schmerzgedächtnisses“, der sich in die Nervenzellen im Hinterhorn des Rückenmarks eingräbt und ans Hirn weitergeleitet wird. Dort wird er, der Schmerz, gewissermaßen zum Selbstläufer, auch ohne Schmerzreiz.

Wichtig ist es daher, jeden Schmerz rechtzeitig und adäquat zu bekämpfen. 1986 veröffentlichte die Weltgesundheits- organisation(WHO) das Stufenschema der Schmerztherapie. Ursprünglich zur Verbesserung der Krebsschmerz-Therapie gedacht, wurde das Stufenschema mit Erfolg auch bei Patienten mit anderen Schmerzursachen eingesetzt.

Warum? Weil es prinzipiell keinen Unterschied gibt zwischen Tumorschmerzen und anderen Schmerzen.

„Wir unterscheiden drei Stufen der Schmerztherapie“

Wir unterscheiden drei Stufen der Schmerztherapie. Stufe1: übliche, peripher wirksame Schmerzmittel wie ASS, Paracetamol, Ibuprofen, Diclofenac etc. Stufe2: schwach wirksame Opioide wie Tramadolol, Tilidin, ggf in Kombination mit St.1. Stufe3: stark wirksame Opioide, die auf Betäubungsmittel-Rezepten ( BtM) verschrieben werden müssen, wie Morphinsulfat, Buprenorphin, Hydromorphon und Oxycodon. Aufgrund einer langsam freisetzenden (retardierten) Galenik reicht oftmals eine zweimalige Einnahme täglich aus und sollte konsequent eingehalten werden.

Bei Schluckstörungen und Erbrechen sind Pflaster vorzuziehen, wie z.B.Durogesic oder Transtec, die alle drei Tage zu wechseln sind. Auch ist die Therapiesicherheit (Compliance) dadurch gewährleistet. Ganz wichtig ist es auf die Nebenwirkungen zu achten: Übelkeit und Verstopfung. Durch regelmäßige Einnahme eines Antiemetikums wie Metoclopramid (MCP) und eines Abführmittels(Lactulose oder Natriumpicosulfat) lassen sich diese vermeiden.

Die aufgeführten Nebenwirkungen können erfolgreich angegangen werden und sind kein Grund zum Verzicht auf eine suffiziente Schmerztherapie. Der chronische Schmerzpatient wird nicht „süchtig“ nach dem Schmerzmittel. Er ist lediglich abhängig davon wie der insulinpflichtige Diabetiker von seinem Insulin.

Durch die Novellierung des BtM-Gesetzes vor einigen Jahren ist die Verschreibung von Opiaten für den Arzt wesentlich vereinfacht worden. Für den chronisch Schmerzkranken besteht daher überhaupt kein Anlass mehr, „still“ zu leiden.

Ihr Medicus