Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

26.07.2006

Sparen bis der Arzt kommt

Teures Insulin nicht (mehr) auf Rezept


Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen(GBA) hat vor einigen Tagen beschlossen, aus Kostengründen keine sogenannten Analoginsuline mehr für die Behandlung der Altersdiabetiker zu bezahlen (NW vom 20. Juli). Die Mehrkosten von 30 Prozent seien der Solidargemeinschaft nicht zuzumuten, da die „Kunst-Insuline“ nicht besser seien als das herkömmliche Humaninsulin. Bewährte Insuline wie Novorapid, Aspart, Lantus oder Levemir stehen dem einstellenden Arzt nicht mehr zur Verfügung. Nur noch die preiswertesten Insuline sind angesagt.

So weit, so schlecht.

Sicherlich ist das teuerste nicht immer das Beste. Die Erfahrungen auf dem Insulinsektor zeigen jedoch, dass Insulinanaloga, deren Aminosäurensequenz an einer Stelle verändert sind, nicht nur teurer, sondern auch in mancher Hinsicht besser sind. Der Spritz-Essabstand wird verkürzt. Durch die Injektion kurz vor oder auch zur Mahlzeit werden die erhöhten Blutzuckerspitzen nach dem Essen gesenkt und damit der Hauptübeltäter für die langfristig zu erwartenden Gefäßschäden ausgeschaltet. Bei den analogen Verzögerungsinsulinen(Lantus/Levemir) gibt es deutlich weniger Unterzuckerungen, auch ein wesentlicher Vorteil.

Neuerdings gibt es sogar ein inhalierbares Insulin namens Exubera. Es macht Injektionen überflüssig, ist aber wesentlich teurer. Für viele Ältere, die einen wahren Horror vorm Spritzen haben, aber Insulin benötigen, wäre es einen Versuch wert. Die Spätschäden des Diabetes mellitus, sehr oft verursacht durch eine zu späte und nicht konsequente Insulintherapie, sind um ein Vielfaches teurer. Mehr als 50 Prozent aller Dialysepflichtigen sind Diabetiker. Die Kosten für die jährliche Dialyse -dreimal pro Woche- liegen bei mindestens 30 000 Euro pro Jahr, von den Bein-Amputationen und Laserungen des Augenhintergrundes ganz zu schweigen. Mitunter ist eine rechtzeitige, vermeintlich teurere Therapie letztendlich „billiger“ als Sparen um jeden Preis.

Für den GBA ist es der erste Test für weitere drastische Einsparungen im Arzneimittelsektor. Weitere Präparate wie Mittel gegen Bluthochdruck, Altersdemenz und Depressionen werden derzeit von einem unabhängigen Institut(IQWIG) einer Kosten-Nutzen Analyse unterzogen. Auch hier werden bewährte Präparate auf der Strecke bleiben, weil die „Quellenlage“ schlecht und ein Zusatznutzen gegenüber preiswerten Vergleichspräparaten nicht nachweisbar ist.

Abwenden ließe sich die Umstellung von rund 200 000 Typ-II-Diabetikern vom zu teuren Kunst-Insulin auf Humaninsulin nur, wenn die Pharmaindustrie kräftig die Preise senkt, wozu sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht bereit ist. Auch das Bundesgesundheitsministerium kann bis Mitte September noch Einspruch einlegen. Entsprechend der Kassenlage ist jedoch eines sicher: die Kosten-Nutzen-Relation bei der Bewertung eines Arzneimittels gewinnt immer mehr an Bedeutung. Die Rationalisierungstendenzen nehmen zu.

Bleibt nur zu hoffen, dass am Ende nicht die strenge Rationierung von Gesundheitsleistungen droht, die dann unweigerlich zu einem „sozial verträglichen Frühableben“ führen könnte, wie es Prof.Dr. Karsten Villmar, ehemaliger Präsident der Bundesärztekammer, einmal im Zusammenhang mit Einsparungen im Gesundheitsresort sarkastisch äußerte.

Ihr Medicus