Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

02.02.2006

Sind medizinische Wunder möglich?

Spontane Heilungen gibt es öfter als vermutet


Während Wunder im Bereich des Glaubens nahezu als Tatsachen anerkannt sind-die Bibel ist voll davon-werden sie von der medizinischen Wissenschaft vielfach geleugnet oder als Fehldiagnosen abgetan.

Dabei hat fast jeder Arzt, der mit unheilbar Kranken, meistens Krebskranken, zu tun hat, die eine oder andere „Spontanheilung“, wie das Wunder in der Fachsprache heißt, erlebt.

Unter Spontanheilung (-remission) wird eine vollständige oder teilweise, vorübergehende oder dauerhafte Rückbildung einer bösartigen Erkrankung ohne spezielle Therapie verstanden. In den letzten Jahren haben seriöse Berichte über derartige „Wunder“ deutlich zugenommen. Es tummeln sich aber auch eine Menge Wunderheiler in der Szene, die eine spontane Heilung immer nur auf die Anwendung alternativer Mittelchen zurückführen,um damit Hoffnung und Geldbeutel der sich ihnen Anvertrauenden schamlos auszubeuten.

Laut Statistik kommt eine Spontanheilung auf 60. 000 bis 100.000 Krebskranke, wobei von einer hohen Dunkelziffer nicht berichteter Fälle auszugehen ist. In der Mehrzahl handelt es sich um vorübergehende Rückbildungen(Remissionen), nur ca. 20 Prozent sind dauerhafte Heilungen.

Mehr als 50 Prozent der Fälle beziehen sich auf vier Krebsarten: der schwarze Hautkrebs (Melanom), das Nierenzellkarzinom, Lymphdrüsenkrebs und das kindliche Neuroblastom. Letzterer, eine bösartige Erkrankung der Netzhaut bei Kindern, bildet sich besonders häufig zurück. Wenn Krebszellen spontan verschwinden, so kann das über zwei Mechanismen geschehen. Einmal kann eine bösartige Zelle wieder „repariert“, andererseits kann die entartete Zelle von einem „Wächter“ abgeschaltet werden und erleidet den programmierten Zelltod (Apoptose).

Auch hormonelle Einflüsse sind beteiligt. Dafür sprechen Spontanheilungen beim Brustdrüsenkrebs im zeitlichen Zusammenhang mit einer Schwangerschaft, einer Entbindung oder dem Aufhören der Regelblutung (Menopause). Nach unvollständiger operativer Entfernung einer Krebsgeschwulst kommt es nicht selten zur spontanen Rückbildung des Resttumors durch Hemmung der Gefäßneubildung, ohne die der Tumor nicht wachsen kann. Eine wichtige Rolle spielt auch die Psyche. Einige Fälle von Spontanheilungen, die mit starken Glaubensüberzeugungen einhergingen, sind gut dokumentiert. Überhaupt spielt die psychosoziale Situation eine wichtige Rolle. Gute Betreuung in positiv eingestelltem sozialem Umfeld hilft die anfangs übermächtige Hoffnungslosigkeit Krebskranker zu mindern und verbessert Prognose und Lebensqualität entscheidend.

Weiß man denn, was einen gesund gemacht hat?

Trotz aller neuen Erkenntnisse sind und bleiben Spontanheilungen „wundersame“ Ereignisse, die wir letztendlich nicht verstehen und erklären können und die uns zu neuer Bescheidenheit Anlass geben. So gilt auch im Zeitalter der modernen Medizin, was der französische Philosoph Montaigne vor 500 Jahren so formulierte: „Weiß man denn, was einen gesund gemacht hat? Die Heilkunst, das Schicksal, der Zufall oder Omas Gebet?“

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