Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

02.07.2003

Sensenmann als Sparkommissar

Keine aufwändige Therapie für Alte ??


Ausgerechnet ein katholischer Theologe und Sozialethiker, Herr Prof. Wiemeier von der Uni Bochum, brachte die Sache auf den Punkt oder den Stein ins Rollen. In der TV-Sendung „Report Mainz“ propagierte er, medizinische Leistungen vor allen Dingen für Jüngere bereit zu stellen, aber nicht jede lebensverlängernde Maßnahme für sehr alte Leute durchzuführen.

Unterstützung erfuhr er mit dieser Ansicht durch Friedrich Breier, Prof. für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der Uni Konstanz, der ein Höchstalter von 75 Jahren zur Durchführung teurer, nur lebensverlängernder und nicht kurativer Maßnahmen vorschlägt. Der Nachhall auf diese „Gedankenspiele“ war, wie zu erwarten, enorm. J.D. Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, verglich sie mit der Euthanasie unter anderen Vorzeichen. Ähnliches äußerte Leonard Hansen, 2. Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Er lehnte das Ansinnen, Leistungen nach dem Alter zu rationieren, als unethisch ab. Sie liefen auch dem Gedanken der Prävention zuwider. Wer sollte noch motiviert sein, etwas für die eigene Gesundheit zu tun, wenn ab 75 ohnehin Schluss ist. Die Bundesgesundheitsministerin Ulla Fischer setzte noch eins drauf mit ihrem Glaubenssatz: „Unabhängig von Alter und Geldbeutel werde jeder auch weiterhin alle notwendigen Leistungen erhalten.“ Genau das ist aber schon lange nicht mehr der Fall. In Praxen und Kliniken findet seit geraumer Zeit eine stille Rationierung statt.

Leere Kassen und strenge Budgetzwänge führen zu Personalabbau, kürzeren Liegezeiten, sparsamer Medikamentenverordnung etc. Aufwändige Bypass- oder Herzklappenoperationen für Hochbetagte werden nur noch durchgeführt, wenn nicht nur Jahre sondern auch Lebensqualität hinzugewonnen und Pflegebedürftigkeit vermieden wird.

Insofern ist der öffentliche Aufschrei gegen die „angeklagten“ Forscher etwas heuchlerisch. Zweifelsohne sollte das kalendarische Alter von 75 Jahren kein Hinderungsgrund sein, einem Patienten z.B. eine teure Hüftprothese zu implantieren, wenn dadurch Schmerzbefreiung und Mobilität erreicht werden. Das biologische Alter und die Erhaltung der Lebensqualität müssen im Vordergrund stehen und nicht der rein ökonomisch ausgerichtete Wunsch nach einem „sozialverträglichen Frühableben“, wie es vor zwei Jahren der BÄK-Präsident Prof. Vilmar als Antwort auf die Sparmaßnahmen der Bundesregierung etwas zynisch ausdrückte.

Sparpotential unter Wahrung der Humanität gibt es zweifelsohne beim irreversiblen Sterben, im Endstadium schwerer Krebserkrankungen oder nach schweren Schlaganfällen. Hier wird immer noch viel zu oft Leiden durch Apparatemedizin und Legen von Ernährungssonden (PEG) künstlich verlängert. Mit aktiver Sterbehilfe im Sinne von Euthanasie hat das aber gar nichts zu tun.

Der Verzicht auf künstliche Lebensverlängerung in einem nicht aufhaltbaren Sterbeprozess ist nicht strafbar und entspricht dem mutmaßlichen Willen vieler Menschen. Immer mehr Patienten hinterlegen daher bei ihren Angehörigen und bei ihrem Hausarzt eine Patientenverfügung, um einen Autonomieverlust und das Dahinvegetieren als „Maschinenwesen“ am Ende ihres Lebens zu vermeiden.

Die Würde des Menschen wird durch eine rein palliative Therapie nicht angetastet und obendrein Ressourcen für die jüngere Generation gespart.

Ihr Medicus