Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

10.04.2002

Reisethrombosen werden immer häufiger

Reisen bildet nicht nur, es kann auch gefährlich sein


Die 28-jährige Britin Emma Christofferson brach am Gepäckband des Flughafens London-Heathrow zusammen und verstarb an einer Lungenembolie, nachdem sie einen 20-stündigen Langstreckenflug hinter sich gebracht hatte. Daraufhin wurden weltweit Forderungen an die Fluggesellschaften vorgebracht, ihren Passagieren in der Touristenklasse (Economy-Class) mehr Beinfreiheit einzuräumen(Norm bislang 26-33cm!).

Ursache für die beschriebene Lungenembolie war eine Unterschenkelvenenthrombose, wie sie nach langen Flugreisen besonders häufig auftritt. Über den Wolken mag die Freiheit zwar grenzenlos sein, doch Sitze und Gänge sind dort besonders eng und bieten kaum Möglichkeit für körperliche Bewegung. Begünstigt wird die Thrombosebildung in den Flugzeugen durch die trockene Luft und veränderten Druckverhältnissen. Die Beine sind an den Knien abgeklemmt, allein durch die Sitzhaltung wird der Blutfluß behindert. In der trockenen Luft dickt das Blut ein, da der Körper vermehrt Flüssigkeit verliert. Das dickflüssige Blut fließt langsamer, die Blutzirkulation in den Beinen erfolgt nur noch mangelhaft oder kommt vorübergehend ganz zum Erliegen. Durch den erniedrigten Innendruck im Flugzeug weiten sich die Venen und die Strömungsgeschwindigkeit des Blutes sinkt. Durch diese Faktoren wird die Bildung von Blutpfröpfen (Thromben) gefördert.

Lösen sich diese Thromben von der Gefäßwand ab, so gelangen sie über den Blutkreislauf früher oder später ins Herz und von dort in den Lungenkreislauf mit der gefürchteten und nicht selten tödlichen Lungenembolie als Folge. Bislang galten Thrombosen als Krankheiten von Menschen über 50 Jahren oder Personen aus Risikogruppen.

Das Beispiel Christoffersen zeigt, das auch junge Menschen bedroht sind. Ein besonderes Risiko haben zudem Menschen mit Übergewicht, Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern !), Herzschwäche, Zuckerkranke, starke Raucher und Frauen, die die Pille nehmen. Personen, die an den Beinen einen Gipsverband tragen und Krampfaderträger/-innen sind besonders gefährdet, da sie die drei für eine Thrombosebildung entscheidenden Bedingungen bereits erfüllen: das Blut strömt langsamer, es neigt eher zur Gerinnung und es liegen Schäden an den Gefäßwänden vor.

Auch jüngere Menschen sind bedroht

Diese drei Bedingungen werden daher auch nach dem berühmten Pathologen Virchow als Virchow'sche Trias bezeichnet. Auch bei Bus- und Zugreisen sowie bei längeren Autofahrten steigt das Thromboserisiko. Es sollten daher häufiger Pausen eingelegt werden, um die Muskelpumpe durch Spazierengehen zu aktivieren. Desweiteren ist für eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr (alkoholfrei) zu sorgen, d.h. etwa pro Flugstunde 0,25 Liter. Bei Vorliegen von Krampfadern wird das Tragen von Kompressionsstrümpfen empfohlen. Für Hochrisikopatienten, also Personen die schon eine Thrombose oder Embolie erlitten haben, ist es sinnvoll vor Reiseantritt ein blutverdünnendes Heparin zu injizieren.

Schön wäre es natürlich, wenn die Fluggesellschaften allen Passagieren nur noch die geräumigen Erste-Klasse-Sitze anbieten würden oder Laufbänder installieren ließen, um das Economy-Class-Syndrom zu vermeiden. Der harte Konkurrenzkampf über den Wolken mit immer mehr Flugpassagieren wird das leider verhindern.

Doch immerhin verteilen viele Fluggesellschaften inzwischen Informationsblätter oder bieten Filme an, um ihre Fluggäste für die Beingymnastik zu motivieren. Nutzen Sie also jedes Angebot, bleiben Sie so oft wie möglich „mobil“.

Ihr Medicus