Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

24.10.2002

„Reform an Haupt und Gliedern nötig “

Woran krankt unser Gesundheitswesen ?


Die Konjunktur lahmt und die Steuern hinken den Staatsausgaben kräftig hinterher. Der Euro wird zum Teuro und auch unsere seit Bismarcks Zeiten so vorbildliche Gesetzliche Krankenversicherung(GKV) befindet sich ob steigender Beiträge bei geringerem Leistungsangebot in der finanziellen Schieflage.

Fango und Massagen werden nur noch ausnahmsweise verordnet, denn das Budget ist voll. Liebgewonnene, teure Arzneimittel werden routinemäßig durch preiswertere ersetzt, damit der Hausarzt auch keinen Regress erfährt und die Medikamente seiner Patienten bezahlen muss.

Immer mehr wird der Selbstzahler gefördert und gefordert. Läuft unser Gesundheitswesen denn tatsächlich schon auf dem besagten letzten Reifen oder liegt es gar in den letzten Zügen??

Tatsache ist, dass 2001 allein die Arzneimittelkosten um 2,1 Milliarden DM auf 21,3 Milliarden angestiegen sind. Das Beitragsdefizit wird 2002 sogar auf etwa 1,5 Milliarden steigen. Soweit, so schlecht. Auch das mit heißer Nadel gestrickte Rot-Grüne Sparpaket wird nichts Fundamentales ändern und frühestens ab Mitte 2003 greifen.

Was sind nun die Gründe für diese permanente Kostenexplosion, und wo gibt es Sparpotentiale? Insgesamt 130 Milliarden gaben die Krankenkassen (KK) 2001 für die Gesundheit ihrer Mitglieder aus. Der größte Batzen von 45 Milliarden entfiel dabei auf die Krankenhäuser. Diese wurden bislang nach Tagessätzen bezahlt, unabhängig von Art und Schwere der Erkrankung. Besserung ist hier in Sicht. Ab 2004 werden Fallpauschalen eingeführt, die sich nach der Schwere der Erkrankung richten und überlange Liegezeiten vermeiden helfen.

Dieses System der „Disease Related Groups“ (DRG) wurde bereits in Australien erfolgreich und kostensparend angewendet. Weiteres Sparpotenzial liegt auf dem Gebiet der Arzneimittel. Die Hausärzte haben hier schon Vorleistungen erbracht durch das Verschreiben preiswerter Generika( ›60%) zu Lasten teurer Orginalpräparate. Manche Firmen versuchen das durch „Scheininnovationen“ zu unterlaufen.

Ein typisches Beispiel ist das Alzheimerpräparat Akatinol (Memantine), das von der gleichen Firma (Merz) mit dem gleichen Wirkstoff unter dem Handelsnamen Axural zum fast doppelten Preis vertrieben wird.

Ein weiterer Kostenpunkt liegt im administrativen Bereich. Muss es denn mehr als 500 KK in Deutschland geben mit immer höheren Verwaltungskosten (7,6 Milliarden 2001), die trotz hoher Defizite durch die Ausgleichszahlungen „gesunder“ Kassen über den Risiko-strukturausgleich aufgefangen werden? Wettbewerb ist hier Fehlanzeige!

Auch „König Kunde“, in diesem Falle der Patient, hat sein Scherflein zur Genesung des Gesundheitswesens beizutragen. Der Gebrauch der Chipkarte sollte im Einvernehmen mit dem Hausarzt erfolgen. Das kostspielige, solidaritätsschädigende „doctor hopping and shopping“ innerhalb eines Quartals sollte nicht weiter zu Lasten der GKV hingenommen werden, sonst degeneriert die Chipkarte zum ungedeckten Blankocheck.

Alle nicht evidenzbasierten (beweisgestützten) Methoden, zu denen auch Homöopathie und Akupunktur zählen, sollten im Zeitalter knapper Kassen in die private Liquidation überführt werden. Teurer medizinischer Fortschritt und die Überalterung der Bevölkerung bei ständig schrumpfender Zahl der aktiven Beitragszahler führt zur Schieflage einer umlagefinanzierten GKV.

Eine echte Strukturreform an „Haupt und Gliedern“ mit Auflösung der seit Jahrzehnten in unserer Konsensgesellschaft gepflegten Tabus und Blockaden ist erforderlich! Nehmen wir uns dafür ruhig die Niederlande zum Vorbild! Dort sind alle pflichtversichert mit nur 8,9 Prozent Beitragsatz vom steuerpflichtigen Einkommen, wobei die Bemessungsgrenze von jährlich rund 21000 relativ niedrig ist. Mit dieser „Basiskrankenkasse“ werden alle teuren und langwierigen Großschäden abgedeckt.

Eine zweite Säule finanziert Arztbesuche, Krankenhauspflege und ambulante Behandlungen, Bemessungsgrenze 27000 pro Jahr. Besserverdienenden steht ein Markt an privaten KK zur Verfügung, die gut 2/3(!) aller Bürger bedienen. Der Staat steuert überdies 1/4 zu den Gesamtkosten der KK bei. Nach Expertenmeinung ist dieses System effizienter als das deutsche, ohne dabei das Solidarprinzip zu verlassen...

Warum picken sich unsere Politiker nicht das Beste heraus ?

Ihr Medicus