Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

09.05.2003

Plädoyer fürs Freibad

50m-Bahn statt Motodrom


Jetzt stehen viele Freibäder, auch in der Region, unweigerlich vor der Schließung. Der Grund ist die permanente Ebbe in den Stadtsäckeln. Dagegen lässt sich augenscheinlich nichts machen.

Die normative Kraft des Faktischen zwingt die Politiker zu einschneidenden Maßnahmen, womit wir täglich massenmedial konfrontiert werden. Sicher, Freibäder gibt es allerorten, gewissermaßen wie Sand am Meer. Geplant und geschaffen in einer Zeit, als die finanziellen Bäume noch in den Himmel wuchsen, und die Stadtkämmerer und Kommunalpolitiker nicht wussten, wohin mit dem Geld.

Jeder wollte sich ein kleines Denkmal setzen - der Wohlfahrtsstaat lässt grüßen. Mittlerweile ist ausgeträumt und abgeräumt, zumindest finanziell. Wenig frequentierte und unzureichend finanzierte Schwimmbäder sind zum Ballast der Kommunen geworden und stehen auf der „Abschussliste“. Aber wieso gerade Bäder in den Stadtzentren der Kommunen schließen, die die Bürger zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen und damit quasi schon für einen späteren Du- oder Triathlon trainieren können?

Insbesondere für die sozialen Brennpunkte der Städte könnten Freibäder ein „Jungbrunnen“ für Körper und Seele sein. Statt auf knatternden Motorrädern oder in tiefergelegten Automobilen auf dem „Motodrom“ der Breslauer Straße Wettfahrten zu veranstalten, könnten die nicht ausgelasteten Jugendlichen in aller Ruhe ihre 50m-Bahnen im wunderschönen Freibad ziehen.

Denn Schwimmen ist absolut geräuschlos und „total“ gesund: kein Sport beansprucht so viele Muskelgruppen bei gleichzeitiger Schonung der Gelenke. Die so häufig beobachteten Haltungsfehler wie Rundrücken und Hohlkreuz und eine allgemein schwache Muskulatur werden aufgepeppt, der Weg zum Rückenkrüppel mit gehäufter Arbeitsunfähigkeit und frühzeitigem Rentenbegehren aufgehalten.

Hinzu kommt die gesunde Bewegung an frischer Luft, nicht vergleichbar mit dem Aufenthalt in der wasserdampfgeschwängerten Athmosphäre eines Hallenbades. Auch Haut und Bronchien tut das gut. Das natürliche Sonnenlicht verhilft unserer Haut zu einem ordentlichen Vitamin-D-Depot, das Kalziumaufnahme und Knochenaufbau fördert, was für Heranwachsende wie für ältere Menschen (Osteoporose) gleichermaßen wichtig ist. Auch fördert das Freibad das gesellige Beisammensein von Familien und Gruppen, vorausgesetzt Liegedecken und Proviant werden nicht vergessen.

Spielerische Momente werden durch Federball, Tischtennis und andere Ballsportarten gesetzt. Nur das Fußballspielen sollte - bitteschön - wegen erhöhter Verletzungsgefahr und Lärmbelästigung unterbleiben.

Ich habe bis jetzt nur eine unvollständige Reihe von Vorteilen des „Freibadens“ aufgezählt. Sie ist beliebig erweiterbar. Gewiss ist das steinerne Herz eines Stadtkämmerers dadurch nicht zu erweichen. Es bleibt aber zu hoffen, dass anstelle der Kommunen private Träger wenigstens den Versuch machen, ein Stück bewährter Lebensqualität zu erhalten.

Kürzlich erreichte mich die Nachricht, dass in Espelkamp ab dem 23. Mai das Waldfreibad wieder seine Pforten öffnet. Eine private Bürgerinitiative hat die notwendigen Instandsetzungen und Renovierungsarbeiten in Angriff genommen. Jetzt ist der vielbeschworene mündige Bürger gefordert, diese Initiative mit einem möglichst häufigen Besuch des Freibades zu belohnen. Denn, ohne „Moos“ nichts los! Auf ins Freibad! Let's have a swim! Ihr Medicus