Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

22.11.2006

Osteoporose führt zu 130.000 Schenkelhalsfrakturen pro Jahr

Jeder fünfte Betroffene muss dauerhaft ins Pflegeheim / Nur ein Viertel wird sachgemäß behandelt / Suche nach Hochrisikopatienten schon im Vorfeld beschlossen


Osteoporose gehört zu den am meisten unterschätzten Erkrankungen mit erheblichen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen. Weltweit leiden etwa ein Drittel aller Frauen zwischen 60 und 70 Jahren an Osteoporose, bei den über 80-jährigen sind es doppelt so viele. Männer sind mit 10 bis15 Prozent deutlich seltener betroffen.

Die nicht konsequente Behandlung dieser Volkskrankheit führt jährlich allein bei uns zu rund 130.000 Schenkelhalsfrakturen mit drastischen Folgen. Nur etwa 40 Prozent der Patienten können nach einem Jahr ohne Hilfe wieder gehen. 20 Prozent müssen dauerhaft im Pflegeheim untergebracht werden. Vorsichtigen Schätzungen zufolge betragen die direkten und indirekten Kosten für Deutschland zirka 2,5 bis 3 Milliarden Euro. Grund genug für die Weltgesundheitsbehörde (WHO) die Osteoporose auf die Liste der zehn wichtigsten Erkrankungen zu setzen.

Nur etwa ein Viertel aller Patienten wird bei uns „lege artis“, also nach dem Gesetz der Kunst behandelt. Ein Grund dafür mag sein, dass es in Deutschland lange kein einheitliches Versorgungskonzept gab. Dem wurde durch den Dachverband Osteologie (DVO), dem 13 Fachgesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz angeschlossen sind, im Juni 2006 Abhilfe geschaffen. Mehr als 34.000 Artikel wurden ausgewertet und die Essenz in die neuen Leitlinien eingearbeitet.

Danach ist es möglich, das individuelle Frakturrisiko durch Bewertung mehrerer Risikofaktoren prozentual zu bestimmen. Liegt das 10-Jahres-Frakturrisiko über 30 Prozent, dann sollte eine spezifische Therapie erfolgen , insbesondere mit den hochwirksamen Bisphosphonaten Alendronat und Risedronat, bevor einzelne Wirbelkörper zusammenbrechen und der schmerzhafte, krumme „Witwenbuckel“ das Leiden offenbart.

Ähnlich wie bei der koronaren Herzkrankheit handelt es sich bei der Osteoporose um ein multifaktorielles Geschehen, für das sich ein individuelles Risikoprofil erstellen lässt. Dabei ist das Alter ein ganz wesentlicher Faktor und ebenso bedeutsam wie die Knochendichte, die bei Risikopatienten nach der DXA-Methode (Dual-X-Ray-Absorptiometrie) gemessen wird.

Bestimmt wird hier der so genannte T-Wert, der angibt, um wie viele Standardabweichungen die Knochendichte vom Mittelwert gesunder 30-jähriger differiert.

Der ebenfalls gemessene Z-Wert besagt das gleiche, bezieht sich aber auf ein altersidentisches Referenzkollektiv. Als Risikofaktoren spielen neben Alter und Knochendichte auch das Geschlecht, frühere Wirbelkörperbrüche, periphere Fakturen nach Bagatelltraumen, Schenkelhalsbrüche bei den Eltern, häufige Stürze („Gebrechlichkeit“), Immobilität, Nikotinmissbrauch und Untergewicht eine bedeutende Rolle.

Zur allgemeinen Prophylaxe werden empfohlen: ausreichende Ernährung mit mindestens 1.000 Milligramm Calcium täglich und eine halbe Stunde Sonnenlichtexposition zur Bildung des für die Calciumresorption wichtigen Vitamin D, regelmäßige körperliche Aktivität zur Stärkung der Muskelkraft und Koordination, etwa in Form von Gymnastik oder Kraft- und Koordinationstraining. Neue Leitlinien betrachten die Osteoporose erstmals ganzheitlich und versuchen schon im Vorfeld die Hochrisikopatienten herauszufiltern und adäquat zu behandeln, gewissermaßen bevor Frau/Mann sich den Knochen bricht. Ihr Medicus