Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

20.12.2005

Ohne Helicobacter kein Magengeschwür

Medizin-Nobelpreis für einen Magenkeim


Lange Zeit wurden Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre auf ein Zuviel an Säure zurückgeführt. „Ohne Säure kein Geschwür“, hieß bis vor 20 Jahren der Leitspruch, obwohl schon vor 100 Jahren Pathologen in der Magenschleimhaut Verstorbener spiralförmige Bakterien entdeckt hatten, die damals als Artefakte abgetan wurden.

Der australische Pathologe Robin Warren fand 1979 erneut ganz zufällig massenhaft gekrümmte „Würmchen“ in der Magenschleimhaut eines Patienten mit Magengeschwür und vermutete instinktiv einen infektiösen Zusammenhang.

Die wissenschaftliche Neugier ließ ihn nicht mehr los, und er untersuchte zusammen mit dem Gastroenterologen Barry Marschall Hunderte von Gewebsproben auf Nährböden, um den Beweis der Vermehrungsfähigkeit des Keims zu beweisen. Anfangs tat sich nichts.

Dann kam ein glücklicher Zufall zu Hilfe. Einige Nährböden waren über die Osterfeiertage (1982) im Brutschrank vergessen worden. Als man sie herausholte, fanden sich massenhaft spiralförmige, begeißelte Bakterien, die als „Campylobacter like organisms“ klassifiziert wurden und deren Entdeckung in einem Leserbrief einer renommierten Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Zweifel und Spott verstummten als Marschall 1984 in einem heroischen Selbstversuch eine Bakterienkultur trank und an einer heftigen Gastritis mit Bauchschmerzen und Durchfällen erkrankte. Die anschließende Antibiotikatherapie vertrieb den Keim und die Beschwerden.

Mittlerweile war auch klar, über welche ausgeklügelten Mechanismen der Erreger verfügt, um im bis dahin für keimfrei gehaltenen Milieu des hochsauren Magens zu überleben. Mit seinem Enzym Urease spaltet er Harnstoff in Ammoniak und Kohlendioxid und schützt sich in einer Art Ammoniakwolke vor der Zerstörung durch die Säure. Er wartet auf die günstigste Gelegenheit in die Magenschleimhaut einzudringen, um hier ein Geschwür zu erzeugen.

70 Prozent aller Magengeschwüre und fast alle Zwölffingerdarmgeschwüre werden so ausgelöst. Weltweit ist Helicobacter pylori, wie er heute genannt wird, nach Karies das häufigste Bakterium. Bei uns sind rund ein Drittel der Bevölkerung vom Helicobacter pylori befallen. Erfreulicherweise haben nur die Wenigsten Beschwerden.

Eine chronische Infektion kann aber nicht nur Geschwüre auslösen, sondern auch zum Schwund (Atrophie) der Magenschleimhaut führen, im schlimmsten Fall sogar ein Magenkarzinom auslösen. Im Falle des Nachweises von Helicobacter pylori sollte daher eine Eradikationstherapie (Ausrottung) nach dem bewährten Dreierschema (zwei Antibiotika und ein Säurehemmer) erfolgen, um das ständige Wiederauftreten von Magengeschwüren zu unterbinden und der Krebsentstehung vorzubeugen.

Die messerscharfe Beobachtungsgabe eines Pathologen und der mutige Selbstversuch eines Gastroenterologen haben die einstige Geißel des ständig wiederauftretenden Magengeschwürs besiegt. Das erfolgreiche Duett erhielt den diesjährigen Nobelpreis für Medizin, genau 100 Jahre nach dem großen deutschen Bakteriologen Robert Koch, der damals für die Entdeckung des Erregers der Tuberkulose geehrt wurde.

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