Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

19.04.2006

„Mein Herz, was bedränget dich so sehr?“

NW-Medicus schreibt heute über Belastungstests und Ruhe-EKG


Fast täglich wird der Hausarzt mit Patienten konfrontiert, die über unklare Brustschmerzen oder Luftnot klagen. Bei Älteren muss er dabei auch immer an Verengungen der Herzkranzgefäße(KHK) denken, insbesondere, wenn Risikofaktoren wie hohes Cholesterin, Zuckerkrankheit, Bluthochdruck und starkes Übergewicht bestehen.

Das Ruhe-EKG zeigt oft noch einen Normalbefund. Also lautet die Devise: rauf aufs Fahrradergometer! Die Belastung beginnt in der Regel mit 50 Watt und wird alle 2 Minuten um 25 Watt gesteigert, bis die maximale Zielfrequenz (200-Lebensalter) erreicht ist.

Während der Belastung wird der Blutdruck kontrolliert und das EKG am Monitor verfolgt. Abbruchkriterien sind plötzlicher starker Blutdruckabfall, Blutdruckkrisen, schwere Herzrhythmusstörungen, Luftnot, Brustenge (Angina pectoris) sowie eindeutige ST-Hebungen oder Senkungen.

Auch in der sechsminütigen Erholungszeit, in der der Patient ohne Last weitertreten sollte, um einen Kollaps zu vermeiden, können noch krankhafte EKG-Veränderungen auftreten, die als pathologische Spätreaktion bezeichnet werden.

Je ausgeprägter die ST-Streckensenkung, desto wahrscheinlicher das Vorliegen einer hochgradigen Herzkranzgefäßverengung(Koronarstenose). Tritt gleichzeitig eine Angina pectoris auf, die auf Nitrospray reagiert, so sollte baldmöglichst eine Koronarangiographie erfolgen.

Leider sind die ST-Strecken nicht immer eindeutig und die Brustbeschwerden häufig atypisch. Hinzu kommen EKG-Veränderungen durch Digitalis und andere Medikamente, aber auch durch Kaliummangel (Diuretika), die den „echten“, KHK-bedingten ST-Streckensenkungen sehr ähneln.

Im Zweifelsfall ist daher eine weiterführende Diagnostik wie Myokardszintigramm, Stress-Echokardiographie bis hin zum invasiven Herzkatheter erforderlich. Um im Zeitalter medizinischer Rationierung die Zahl der Untersuchungen auf das notwendige Maß zu begrenzen, hat die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie eine nützliche Tabelle für das Vorliegen einer signifikanten Koronarstenose erarbeitet.

Stress und Kummer sind Auslöser des „Herzkaspers“

Gemäß dieser Tabelle liegt die so genannte Vortestwahrscheinlichkeit bei einem 25-jährigen Patienten innerhalb der nächsten 10 Jahre einen Herzinfarkt zu erleiden bei atypischen Beschwerden Bei diesem Patienten müssten andere Diagnosen wie Klappenfehler, Elektrolytstörungen oderHerzmuskelentzündung in Betracht gezogen werden. Umgekehrt sollte bei Patienten mit hoher Vortestwahrscheinlichkeit (›20%) auch dann eineKoronarangiographie durchgeführt werden, wenn die Beschwerden atypisch sind und die Ergometrie unauffällig.

Die wichtigste Zielgruppe für ein Belastungs-EKG sind Personen, die ein mittleres Risiko für ein koronares Ereignis von 10-20% in den nächsten 10 Jahren haben. Bei ihnen sollte ein pathologisches Belastungs-EKG immer eine weiterführende Diagnostik zur Folge haben.

Findet sich trotz aller Tests nichts Krankhaftes, so gibt es noch den „Herzkasper“, eine gar nicht so seltene nervöse Störung des Herzens. Beruflicher und familiärer Stress sind oft die Auslöser oder ein anderer Kummer, den Johann Wolfgang von Goethe schon beschreibt:

„Herz, mein Herz, was soll das geben? Was bedränget dich so sehr? Welch ein fremdes, neues Leben! Ich erkenne dich nicht mehr.“

Um dann im letzten Vers fortzufahren: „Und an diesem Zauberfädchen, das sich nicht zerreißen lässt, hält das liebe, lose Mädchen mich so wider Willen fest; muss in ihrem Zauberkreise leben nun auf ihre Weise. Die Verändrung, ach, wie groß! Liebe! Liebe! Lass mich los!“

Ihr Medicus