Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

27.03.2002

Kennen Sie schon „aut idem“?

Sparzwänge im Gesundheitswesen


Herr Doktor, Sie dürfen mir alles verschreiben, aber bitte nicht 'aut idem'! So besorgt äußerte sich kürzlich ein Patient, nachdem der Apotheker ihm statt der bewährten Medizin ein gleichwertiges, billigeres Präparat herausgegeben hatte.

Mit dem ab 23. Februar gültigen neuen Arzneimittelausgabenbegrenzungsgesetz (AABG), ein Wortungetüm schlechthin, soll der Kostenanstieg im Arzneimittelsektor - im letzten Halbjahr 2001 immerhin über 20 Prozent - wieder zurückgefahren werden.

Mit dem lateinischen 'aut idem', was 'oder gleiches' bedeutet, hat nun der Apotheker den Schwarzen Peter und muß Präparate aus dem unteren Preisdrittel herausgeben, Wirkstoffgleichheit vorausgesetzt.

Da aber liegt der Hase im Pfeffer oder der Hund begraben!

Denn wir wissen alle: das Gleiche ist noch lange nicht dasselbe...

Gerade bei den Pillen ist die „Verpackung“ des Wirkstoffes, die Galenik, entscheidend für Wirkstofffreisetzung, Aufnahme über die Darmschleimhaut und die Blutspiegel.

Diese als Bioverfügbarkeit bezeichnete Eigenschaft ist auch bei wirkstoffgleichen Präparaten häufig sehr verschieden und kann die Wirkungen verstärken oder abschwächen und Nebenwirkungen auslösen.

Die Verantwortung für die Arzneimittelsicherheit kann aber nur in einer Hand liegen, naturgemäß der des verordnenden und behandelnden Arztes.

Der Apotheker hat auf dem Gebiet der Arzneimittelwirkungen sicherlich gute theoretische Kenntnisse, im fehlt aber die tägliche Rückkopplung mit den Patienten. Darüberhinaus ist er in erster Linie Geschäftsmann, also „gewinnorientiert“.

Im übrigen verschreiben die meisten Ärzte schon, wann immer es geht, preiswerte Generika, die sich bewährt haben.

Ein nennenswerter Spareffekt wird sich durch „aut idem“ also nicht erzielen lassen. Das geht eher, wenn nicht an sondern mit Arzneimitteln gespart wird. Das heißt im Klartext, nur Medikamente zu verordnen, die ihren Wirksamkeitsnachweis in großen Doppelblindstudien bewiesen haben und obendrein unbedenklich sind.

Das Stichwort lautet EBM -Evidence Based Medicine- ein Begriff aus den USA, der eine beweisgestützte Medizin auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen beinhaltet und fordert.

Zurück zu „aut idem“. Sollten Sie demnächst auf ihrem Rezept ein Kreuzchen im Feld mit „aut idem“ sehen, so erschrecken Sie nicht. Die Bedeutung ist mittlerweile umgekehrt. War früher der Apotheker, beispielsweise im Notdienst berechtigt, bei einem Kreuzchen ein ähnliches Präparat herauszugeben, wenn das Original nicht vorrätig war, so ist es jetzt umgekehrt. Er darf es dann nicht ersetzen (substituieren). Um auf Nummer sicher zu gehen, setzen viele Ärzte daher einen Stempel auf das Rezept mit dem Aufdruck 'Keine Substitution', damit der Patient das bislang verordnete, bewährte Präparat bekommt.

Nach so vielen Fach- und Fremdwörtern zum Schluß ein aufheiternder Vers von Waggerl, der den Spannungsbogen Natur, Chemie und Mensch recht schön ausdrückt:

Die Kraft das Weh im Leib zu stillen,

verlieh der Schöpfer den Kamillen.

Die blühn und warten unverzagt,

auf jemand, den das Leibweh plagt.

Der Mensch jedoch in seiner Pein

glaubt nicht daran, was allgemein zu haben ist. Er schreit nach PILLEN,

Verschont mich, sagt er, mit Kamillen,

um Gotteswillen!

Ihr Medicus