Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

16.07.2003

Holzbock kann gefährlich werden

Im Sommer lauern besondere Gefahren


Spaziergänger, Camper und Baggerseefreunde aufgepasst! Der gemeine „Holzbock“ (Ixodes ricinus), auch als Zecke bezeichnet, lauert wieder im hohen Gras oder auf Büschen, um vorbeiziehende Wanderer zu befallen und ihnen Blut abzusaugen. Als „Gegenleistung“ für den Blutzoll bekommen die Spender zahlreiche Krankheitserreger, von denen in Mitteleuropa vor allem zwei Erkrankungen Bedeutung haben: die von Bakterien ausgelöste Lyme-Borreliose und die virale Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).

Beide Krankheiten werden oft miteinander verwechselt. Die Gefahr einer FSME-Erkrankung besteht jedoch nur in bestimmten Regionen, während die Lyme-Borreliose weltweit verbreitet und weitaus häufiger ist. In Deutschland wird die Zahl der durch Borrelien verursachten Erkrankungen auf 60.000/Jahr geschätzt – Tendenz ansteigend – gegenüber lediglich 200 Erkrankungsfällen an FSME.

Die Lyme-Borreliose wird durch ein spiralförmiges Bakterium (Spirochäte) übertragen. Der Name geht auf das Städtchen Lyme in Connecticut zurück, indem es den ersten rätselhaften Ausbruch von Arthritis und Hautrötungen bei Jugendlichen gab. Im Schnitt ist in Europa in jedem dritten der kleinen Blutsauger mit Borrelien zu rechnen. Erfreulicherweise werden diese jedoch nur bei jedem 3. Stich übertragen und jeder 6. erkrankt. Das Erkrankungsrisiko ist daher mit etwa zwei bis vier Prozent relativ niedrig.

Man unterscheidet insgesamt drei Krankheitsphasen. Dabei kann die Erkrankung alle Stadien nacheinander durchlaufen, ein Stadium überspringen oder in jedem Stadium erstmalig in Erscheinung treten. Eine spontane Ausheilung ist ebenfalls in jedem Stadium möglich. Am häufigsten wird der Hausarzt mit Phase 1 konfrontiert. Nach dem Zeckenbiss zeigt sich eine lokale Entzündungsreaktion, die ringförmig sich vergrößert und als Erythema migrans (Wanderröte) bezeichnet wird. Oft bestehen Allgemeinsymptome wie Fieber, Kopf-, Muskel- und Gliederschmerzen.

In Phase 2 kommt es zur Erregerausbreitung über das Blut mit Befall des Nervensystems, seltener des Herzens. Flüchtige Lähmungen, vor allem im Bereich der Gesichtsmuskulatur sind am häufigsten.

Phase 3 ist das chronische Stadium, wenn die oben beschriebenen Symptome länger als sechs Monate bestehen. Die Infektion hat dann bereits Gehirn, Rückenmark und das periphere Nervensystem so geschädigt, dass es zu Gangstörungen, Sprach- und Bewusstseinsstörungen, epileptischen Anfällen, Halbseitenlähmungen und Koordinationsstörungen kommen kann. Auch chronische Gelenkentzündungen und diffuse Muskelschmerzen sind möglich. Noch Jahre nach dem infizierenden Zeckenbiss kann sich eine chronisch-atrophische Akrodermatitis bilden mit so genannter „Bratapfelhaut“ an Händen oder Füßen.

Die wichtigste Therapie ist die schnellstmögliche Entfernung der Zecke, da die gefährlichen Erreger etwa einen Tag benötigen, um in den Wirt zu wandern. Beim Auftreten der Wanderröte ist die Gabe von Antibiotika erforderlich. Dabei gilt der Grundsatz: früh genug, hoch genug und lange genug. Ein Impfstoff für die europäische Borrelien-Spezies ist derzeit in Erprobung.

In den USA konnte sich eine Schutzimpfung gegen Zeckenbisse wegen zu geringer Resonanz in der US-Bevölkerung jedoch nicht durchsetzen.

Am wichtigsten ist die Prophylaxe, d.h. Waldgebiete mit starkem Unterholz meiden, denn hier liegt der gemeine Holzbock gerne auf der Lauer. Weiterhin kann geeignete Kleidung vor einem Zeckenstich schützen. Sollte dennoch der Blutsauger erfolgreich sein, so gilt es ihn rasch zu entfernen, am besten durch vorsichtiges Herausdrehen des Parasiten mit einer Pinzette oder Zeckenzange. Keinesfalls sollte man Öl oder Salben mit der Zecke in Berührung bringen, da diese im Todeskampf dann zusätzliche Erreger in die Blutbahn abgibt. In einer Studie in einem amerikanischen Hochrisikogebiet konnte gezeigt werden, dass eine einmalige Antibiotikagabe (Doxycyclin) innerhalb von 24 Std. nach Zeckenstich zu einer weitgehenden Infektionsverhinderung beitragen konnte. Also, achten Sie auf den gemeinen Holzbock bevor er gemein-gefährlich wird!

Ihr Medicus