Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

03.10.2003

Größte Krebsrisiken sind individueller Natur

Serie (I): Was ist und wie entsteht Krebs


Jährlich erkranken in Deutschland rund 340.000 Menschen an Krebs, mehr als 210.000 sterben daran,das sind rund 25 Prozent aller Todesfälle. Krebs ist damit die zweithäufigste Todesursache nach den Herz- u. Kreislauferkrankungen mit 47 Prozent. Ein Grund mehr, sich mit diesem „mörderischen“ Thema intensiver zu beschäftigen. In drei Artikeln werde ich mich bemühen, einige Erkenntnisse der Krebsforschung wiederzugeben.

Teil I: Was ist Krebs?

Krebs ist eine genetische Erkrankung, die durch Veränderungen an unserer Erbsubstanz, den Nukleinsäuren (englisch DNA), entsteht. Das klassische Dogma der Krebsentstehung besagt,dass karzinogene Umweltfaktoren wie ionisierende Strahlung oder Zigarettenrauch Veränderungen in der DNA-Sequenz einiger krebsassoziierter Gene (Onkogene) bewirken. Diese Mutationen in den Onkogenen können überaktive Onkoproteine entstehen lassen, die das Krebswachstum fördern, insbesondere wenn der natürliche Gegenspieler, das Tumorsuppressorgen durch Mutationen inaktiviert wurde und keine das krebsige Zellwachstum hemmenden Proteine zur Verfügung stehen.

Das modifizierte Dogma geht davon aus, dass der Synthese- und Reparaturbetrieb durch genetische Defekte gestört wird und es durch Zellteilung zu zehntausenden zufälligen Mutationen kommt, aus denen Krebszellen entstehen. Eine weitere Theorie führt die Krebsentstehung auf den frühen Ausfall eines sogenannten „Mastergens“ zurück, das für den korrekten Ablauf der Zellteilung nötig ist. Einige Zellen enthalten Chromosomen in abnormer Zahl oder mit fehlenden oder überzähligen Stücken.

Die neueste Theorie hebt ab auf ein frühzeitiges „Chromosomen-Tohuwabohu“, bei dem durch einen Fehler in der Zellteilung Abweichungen in der Anzahl ganzer Chromosomen sowie Vertauschungen von DNA-Fragmenten auftreten. Das daraus folgende zerstörerische Wachstum kann nur durch den sogenannten programmierten Zelltod, die Apoptose, aufgehalten werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein spezielles Protein (P53), das als Wächter des Erbguts bezeichnet wird.Es führt bei Schäden am Erbgut zur Bildung von Todesrezeptoren auf der Zellmembran, an die gewisse Signalmoleküle andocken, die die Apoptose auslösen. Bei der Chemo- und Strahlentherapie wird diese Eigenschaft durch eine künstliche Schädigung der Krebszellen mit nachfolgendem Zelltod therapeutisch genutzt.

Insgesamt gibt es sechs teuflische Eigenschaften, in denen sich Krebszellen von normalen Zellen unterscheiden: 1.Krebszellen teilen sich, ohne auf externe Wachstumssignale zu warten. 2. Sie wachsen verdrängend und zerstörend ins Nachbargewebe. 3. Im Gegensatz zu geschädigten normalen Zellen unterliegen sie keiner Apoptose. 4.Sie stimulieren das Wachstum von Blutgefäßen. 5.Krebszellen teilen sich nahezu unbegrenzt, normale Zellen höchstens 70mal. 6. Krebszellen verlassen ihr Herkunftsgewebe und setzen Tochtergeschwülste (Metastasen), die schließlich auch die lebenswichtigen Organsysteme (Hirn, Lunge, Knochen) beeinträchtigen.

Über das individuelle Krebsrisiko besteht in der Öffentlichkeit immer noch ein falsches Bild. Nicht Umweltverschmutzung, ionisierende Strahlung und Schadstoffbelastungen im Beruf sind das größte Problem, sondern Rauchen und ungesunde Ernährungsweise (zu viel Fett, zu wenig Ballaststoffe). Auch Viren spielen eine nicht unerhebliche Rolle.

Davon mehr im nächsten Artikel („Umwelt und Ernährung“).

Ihr Medicus