Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

16.10.2004

Gefährliche Arznei

Rückruf des Rheumamittels VIOXX


Gerade drei Jahre sind es her, da rauschte die Affäre Lipobay, einem Cholesterinsenker, durch den Blätterwald und die Medien. Ein Medikament, das die Entwicklung der Adernverkalkung verhindern sollte, führte zu einer erhöhten Sterblichkeit.

Über 100 Todesfälle bei 6 Mio. Anwendern wurden weltweit auf dieses Medikament zurückgeführt. Wenngleich diese Todesfälle ausschließlich in den USA infolge mehrfacher Überdosierung auftraten, wurde dieses millionenfach verordnete Medikament von der Firma Bayer sofort vom Markt genommen. Ein Rattenschwanz von Klagen auf Schadensersatz folgte, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Neuster GAU in der Abteilung Pleiten, Pech und Pannen ist das Rheumamittel VIOXX der US-Firma MSD (Merck). Mercks Kassenschlager mit einem Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar wurde am 30. September vom Markt genommen, weil eine Studie, die eigentlich den Nutzen dieses Präparates zur Verhinderung von Dickdarmpolypen beweisen sollte, nach 18 Monaten eine erhöhte Sterblichkeit an Herzinfarkt und Schlaganfall ergab. Die freiwillige Vorsichtsmaßnahme des Rückrufs von VIOXX durch MSD war daher zwingend erforderlich um das Ausmaß der Schäden zu begrenzen und weitere Schadensersatzklagen zu vermeiden. Schon jetzt - die NW berichtete am 11.10. darüber - ist rein statistisch von mehreren 1.000 Todesfällen weltweit auszugehen mit entsprechenden Schadensersatzforderungen. Für eine allgemeine Panik unter den Einnehmern dieses Präparates besteht jedoch kein Grund.

Als langjähriger Verordner dieses Präparates habe ich von meinen Patienten bislang keinerlei negative Rückmeldungen bekommen. Aufgrund seiner schnellen Schmerzbefreiung bei ausgesprochener Magenfreundlichkeit war es bei Ärzten wie Patienten gleichermaßen beliebt. Mit einer erhöhten kardiovaskulären Sterblichkeit ist gemäß o.g. Studie erst nach langfristiger, kontinuierlicher Einnahme über mehr als 18 Monate zu rechnen.

Der überstürzte Rückzug eines sogenannten „Blockbusters“ vom Markt zeigt, dass es eine absolute Arzneimittelsicherheit nicht geben kann, und jeder medizinische Fortschritt in einem Bereich häufig mit Nebenwirkungen in einem Anderen erkauft wird. Die gesamte Gruppe der innovativen sogenannten COX-2-Hemmer, zu denen auch VIOXX gehört, sei dadurch nicht betroffen, wie MSD die Ärzte in einem Rundschreiben informierte und empfahl als Alternativpräparate Celebrex (Celecoxib), Bextra (Valdecoxib) und auch Acroxia (Etoricoxib), das von MSD kurz zuvor als Innovation und Nachfolgepräparat auf den Markt gebracht worden war. Reiner Zufall oder was ?

Man könnte darüber schmunzeln, wenn es für die Betroffenen nicht so traurig und für das Vertrauen in eine moderne und gleichzeitig hocheffiziente Pharmakotherapie nicht so schädlich wäre.

Ihr Medicus