Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

23.01.2003

Ein Gläschen in Ehren. . .

Ist regelmäßiger Alkoholkonsum gesund?


Immer wieder hört und liest man, dass der regelmäßige Genuss von ein bis zwei Gläsern Wein oder der entsprechenden Menge Bier der Gesundheit förderlich sein soll. Unterstützt wird diese Hypothese durch die Statistik.

Regelmäßige Rotweintrinker wie die Südfranzosen oder Italiener haben weniger Herzinfarkte und leben länger als ihre nördlichen Nachbarn. Ist es der Alkohol oder sind es die im roten Rebensaft enthaltenen Polyphenole, die die Gefäße schützen und jung halten?

Eine gerade veröffentlichte US-Langzeit-Studie aus Boston berichtet von einer Senkung der Herzinfarktrate um 37 Prozent (!) bei mäßigem, aber regelmäßigem Alkoholgenuß, ganz unabhängig von der Art des Alkohols. Was die Wirkung des Alkohols auf den Menschen anbetrifft, so gibt es erhebliche individuelle Unterschiede.

Zwei Beispiele aus ein und derselben Familie: J.W.von Goethe hat in seinen besten Zeiten jeden Tag bis zu drei Liter Wein getrunken, vornehmlich Würzburger Stein. Seinem Genius hat das nicht im Geringsten geschadet. Körperlich litt er ab Lebensmitte an Gichtanfällen und Nierensteinen, die sicherlich im Zusammenhang mit reichlicher Alkoholzufuhr und üppigem Essen zu sehen sind. Dennoch wurde er fast 83 Jahre alt und war bis zu seinem Ende poetisch aktiv.

Ganz anders sein armer Sohn August, der nicht das Genie des Vater, aber umso mehr die Liebe zum Wein mitbekommen hatte. Seine Gedichte bewegen sich auf dem Niveau: „Ich steh' vorm Capitol und weiß nicht, was ich soll...“

Dann ist er auch noch ziemlich früh in Rom an den Folgen einer Leberzirrhose gestorben. Dennoch, ein günstiger Einfluß des gemäßigten Alkoholkonsums auf die Sterblichkeit ist nicht zu leugnen. Die Sterblichkeitskurve für Nicht-Trinker und „Trinker“ hat die Form eines J.

Die niedrigste Sterblichkeit haben die mäßigen „Trinker“ am unteren Scheitelpunkt des J. Links davon befinden sich mit etwas erhöhter Sterblichkeit die Abstinenzler und rechts davon, im aufsteigenden Teil, die stärkeren Konsumenten mit dem höchsten Risiko.

Eine generelle Empfehlung zu regelmäßigem Alkoholkonsum kann auf Grund des großen Missbrauchs- und Suchtpotentials nicht ausgesprochen werden. Immerhin führt der Alkoholmissbrauch zu vermehrter Unfallneigung (z.B. im Straßenverkehr), Krankheitsanfälligkeit, geringerem Leistungsvermögen mit häufigen Arbeitsfehlzeiten(“blauer Montag“) bis hin zum Arbeitsplatzverlust. In der Summe betrachtet schadet Alkohol weit mehr als er nutzt.

Auch wenn bis in die 60iger Jahre im Badischen noch Wein für Magenkranke verschrieben wurde, sollte Alkohol heute nicht mehr als „Medikament“ betrachtet und im täglichen Selbstversuch genossen werden. Herzkranke mit schweren Rhythmusstörungen oder Herzmuskelschwäche sollten ihn ebenso meiden wie Leberzirrhotiker und trockene Alkoholiker.

Bei Gesunden ist das „Gläschen in Ehren“ zur Steigerung des Wohlbefindens und zum Schutz der Gefäße (s.o.) durchaus erlaubt. Frauen sollten sich -ihrer Leber zuliebe- mit 0,2 ltr Wein entsprechend 20 g Alkohol täglich begnügen, Männer dürfen das Doppelte.

Auch hier gilt der Satz von Paracelsus: allein die Dosis macht das Gift oder wie Theodor Heuss, unser erster Bundespräsident, sich ausdrückte: Wer Wein trinkt betet, wer Wein säuft sündigt!

Ihr Medicus