Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

06.03.2008

Ein Arzt zum Helfen und einer zum Zuhören

Von den Kommunikationsstörungen zwischen Patienten und Medizinern


Der Sprachführer von Dr. Eckart von Hirschhausen(„Arzt-Deutsch“, „Deutsch-Arzt“) ist für Ärzte wie Patienten gleichermaßen lustig, wenngleich nicht immer hilfreich. Er hebt ab auf die oft missverständliche Wortwahl zwischen Arzt und Patient. Der hört sich die Beschwerden des Patienten geduldig an, ist aber bei der Vielzahl psychosomatischer Befunde in der Interpretation häufig überfordert.

Um dem Patienten nicht weh zu tun und wie die altvorderen Ärzte abwiegelnd nach Ausschluss der gängigsten organischen Ursachen nicht einen desillusionierenden Rat („Damit müssen Sie leben“) mit auf den Weg zu geben, flüchtet er sich in die (nur) ihm vertraute Fachsprache Latein. Beim Zwicken und Zwacken im Bauch, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, allgemeiner Saft- und Kraftlosigkeit gepaart mit vermehrtem Schwitzen lautet die fachmännische/-frauliche Diagnose: essentielle funktionelle vegetative idiopathische Dystonie. Das klingt allemal besser als: „Ich weiß auch nicht, was mit Ihnen los ist“.

Nach Hirschhausen beginnt die „Arztwerdung“ des Menschen mit der Terminologie. Das erste, was ein Medizinstudent eingebläut bekommt, ist sich systematisch unverständlich auszudrücken. Für alles, was er bis dahin auf gut Deutsch hatte erklären können, gibt es dann ein lateinisches oder gar griechisches Fremdwort. Zwei tote Sprachen werden bemüht, um dem Wunder des Lebens näher zu kommen. Hätte nicht eine tote Sprache ausgereicht?

Nein, dann wäre der Arzt immer wieder „mit seinem Latein am Ende“! Kommunikation ist angesagt und das in einer allgemeinverständlichen Sprache! Dazu ist Zeit erforderlich, die leider in der neuen Gebührenordnung trotz aller Dementis der Kassen kaum honoriert wird.

Der erfahrene Hausarzt weiß das und kommuniziert auf gleicher Wellenlänge. Herr Meier liegt dann wegen einer eitrigen Halsentzündung darnieder und nicht mit einer „Angina“ im Bett, was schlimmstenfalls die eigene Ehefrau eifersüchtig machen würde. Auch ist die Bezeichnung „Hexenschuss“ anschaulicher als der Fachausdruck „akute Lumbago“. Beide Bezeichnungen stehen für eine schmerzhaft verspannte Lendenmuskulatur, die nach einer unglücklichen Bewegung beim Heben oder Graben im Garten, aber auch nach Auskühlung auftreten kann. Keinesfalls steckt bei Rückenschmerzen immer ein „Bandscheibenvorfall“ dahinter, wie er vom Laien allzu oft vermutet und mit dem Wunsch auf CT oder Kernspin („die Röhre“) verbunden wird.

Überhaupt ist der Grund für den Arztbesuch oft ein anderer als der Arzt annimmt. Dadurch sind Missverständnisse vorprogrammiert. Die Erwartungen der Patienten sind extrem unterschiedlich. Einerseits soll sich der Arzt viel Zeit nehmen, den Patienten zu Wort kommen lassen und ihn ganzheitlich betrachten. Andererseits soll er auch Topspezialist seines Faches sein und schnell handeln.

Mal ehrlich: Wer wäre nicht froh, wenn er nach einem Verkehrsunfall schwerverletzt von einem wortkargen, emotionslosen Chirurgen wieder sach- und fachgerecht zusammengeflickt würde. Dafür wird diesem Spezialisten auch gerne verziehen, wenn er von Bachblütentherapie und Homöopathie nichts hält.

Man braucht eben mehrere gute Ärzte. Einen, wenn man was hat, und einen, wenn einem etwas fehlt.

Ihr Medicus