Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

26.06.2002

Das Kreuz mit dem Kreuz

Rückenschmerzen immer häufiger


Herr Doktor, ich hab's so im Kreuz! Ich glaube, meine Bandscheibe ist verrutscht! Ich muß unbedingt in die ‘Röhre‘ „ womit der Computer- bzw. Kernspintomograph gemeint ist.

Situationen dieser Art erlebt jeder Hausarzt fast täglich. Immerhin klagt jeder vierte Patient einer Hausarztpraxis über akute oder chronische Rückenschmerzen, die nach den Erkältungskrankheiten am häufigsten zur Arbeitsunfähigkeit führen.

Bevor es jedoch in die gewünschte, kostenträchtige „Röhre“ geht, ist eine gründliche neurologische Untersuchung erforderlich, die das weitere diagnostische und therapeutische Vorgehen bestimmt.

Beruhigend ist es, wenn die Schmerzen im tiefen Rücken nicht in die Beine ausstrahlen, Zehen und Füße frei beweglich sind und der längste periphere Nerv des Körpers, der Ischiasnerv, keinen Dehnungsschmerz zeigt. Dann handelt es sich in der Regel nur um eine schmerzhaft verspannte Rückenmuskulatur, den sogenannten 'Hexenschuß' und die Bandscheibe ist intakt. Wärmeanwendungen, Schmerzmittel sowie Schonung führen schnell zur Linderung und zum Abklingen der Beschwerden.

Auch bei leichten neurologischen Auffälligkeiten wie Taubheitsgefühl und Kribbelparaesthesien in den Unterschenkeln und Füßen, die auf eine Nervenwurzelreizung durch Bandscheibenvorwölbung (Protrusion) hinweisen, sind konservative Maßnahmen wie Schmerztherapie, Stufenbettlagerung, Extensionen, spezielle Bandscheibengymnastik und gegebenenfalls Stangerbäder erst einmal vorzuziehen.

Treten jedoch Lähmungen der Fußheber- oder -senker und - im schlimmsten Fall - eine komplette, schlaffe Lähmung der unteren Extremität mit Blasen- und Mastdarmlähmungen (Kauda-Syndrom) auf, so ist eine weitere Diagnostik mit Computer- bzw. Kernspintomographie unter stationären Bedingungen erforderlich.

Ursache dieser Lähmungen ist ein massiver Bandscheibenvorfall, auch Prolaps genannt, der durch Vorgleiten des gallertigen Kerns durch einen brüchigen Faserring entsteht und der zur Komprimierung des Rückenmarks und der zugehörigen Nervenwurzeln führt. Insbesondere bei Bildung von freien Sequestern (Bruchstücken der Bandscheibe) im Rückenmarkskanal ist eine Operation dringend erforderlich. Der Goldstandard ist dabei die offene Entfernung (Diskotomie) der Bandscheibe durch einen mikrochirurgischen, schmalen Zugang von 3cm, wodurch der 'Flurschaden' infolge postoperativer schmerzhafter Narbenbildung, dem sogenannten Postdiskotomiesyndrom (PDS), in der Regel vermieden werden kann. Die Diskussion um das PDS, die immerhin bis zu 20 Prozent aller operierten Bandscheibenpatienten in Mitleidenschaft zieht, führte zur Entwicklung minimal-invasiver Methoden, deren älteste die Injektion von Chymopapain, der Milch der Papayapflanze, direkt in die Bandscheibe ist. Letztere wird durch den Saft aufgelöst und fibrosiert, die Vorwölbung bildet sich durch Schrumpfung zurück.

Bei einer schmerzhaften Protrusion sowie bei leichteren Vorfällen (gedeckter Sequester) ist die Erfolgsrate höher als bei der Diskotomie. Die Chemonukleolyse führt jedoch in bis zu 40 Prozent der Fälle zu relativ lang anhaltenden, starken Kreuzschmerzen sowie in bis zu 2 Prozent zu allergischen Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock.

Bei der ebenfalls minimal-invasiven Lasermethode schiebt der Operateur extrem kleine Punktionsnadeln in die Bandscheibe vor. Durch die Hitzeentwicklung werden Teile der mürben Bandscheibe gewissermaßen verkocht, wobei das Bandscheiben-Gewicht um bis zu 15 Prozent , das Bandscheibenmaterial aber nur um 5 Prozent reduziert wird. Die Erfolgsquoten der genannten minimal-invasiven Methoden schwanken erheblich. Sie sind um so größer, je kürzer die Dauer und je geringer das Ausmaß des Bandscheibenschadens ist.

Vorteil der minimal-invasiven Methoden ist sicherlich die postoperativ wenig beeinträchtigte Stabilität der Wirbelsäule mit schneller Rehabilitation und selteneren Narbenschmerzen (PDS !) des Patienten.

Das 'Kreuz' mit der Bandscheibe hat also in der Mehrzahl der Fälle Dank einer Vielzahl an diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten häufig ein 'happy end', wenngleich bei bis zu 20 Prozent aller Operierten eine erhöhte Schmerzanfälligkeit im Sinne des beschriebenen Postdiskotomiesyndroms bestehen bleibt.Ihr Medicus