Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

24.03.2005

Behinderung, Alter und Krankheit Teil des Lebens

Das falsche Paradies der Gesundheitsreligion


Gesundheitsapostel scharen ihre Jünger um sich. Die frohe Botschaft verheißt Waschbrett-Bäuche, Wespen-Taillen und extrem niedrige Cholesterin-Werte, alles zum Wohle einer allseits gewünschten Langlebigkeit. Gesundheits-Checks beim Hausarzt, am besten wöchentlich veranstaltet, und die Pforten zum „Gesundheits-Paradies“ öffnen sich. „Forever Young“, lautet der Slogan und kaum eine(r) kann sich dem entziehen.

Zwei wesentliche Dinge des menschlichen Seins bleiben dabei allerdings auf der Strecke: Lebenslust und Gelassenheit. Während unsere Vorfahren Kathedralen bauten und Kniee beugten, machen wir gewissermaßen als Ersatzhandlung Rumpfbeuge und Gymnastik. Unsere Vorfahren versuchten ihre Seele zu retten, wir hingegen unsere Figur oder die gesellschaftlich verordnete Norm. Auch kultische Akte kommen nicht zu kurz: man geißelt sich, wallfahrtet,fastet und unterzieht sich heilbringender Salbungen.

Die Gesundheitsreligion gaukelt ein falsches Paradies vor, eine neue Form religiöser Blindheit. Sie vermehrt Angst und Unsicherheit und macht den Menschen dadurch unglücklicher. Es handelt sich um eine Großattacke auf die Lebenslust. Die dauernde Fixiertheit auf Ernährung und körperliche Attraktivität führt nicht selten zu Essstörungen und falschen Schönheitsidealen mit den Folgen einer Anorexie (Magersucht) oder Bulimie (Ess-/Brechsucht). Bei beiden ist die Vorstellung vom eigenen Körper, das „Körperschema“, gestört.

Beide Essstörungen sind fast so häufig wie das andere Extrem, die Adipositas, von der man ab einem BMI von 30 spricht.

Falsche Schönheitsideale gilt es daher abzubauen. Behinderung, Krankheit, Alter und Tod sind als Teil unseres Lebens anzunehmen und nicht einfach nur zu verdrängen. Wollen wir unseren Lebensstil ernsthaft ändern, so ist Sanftheit und Ausdauer besser als das berüchtigte Hau-Ruck-Verfahren. Gesund ist ein Mensch nach der Definition seines Hausarztes nur, wenn er mit seinen Krankheiten einigermaßen glücklich leben kann und sich nicht als unentbehrlich oder gar unsterblich empfindet.

Unser guter Wilhelm Busch hat es einmal ironisch-sarkastisch auf den Punkt gebracht: „Wirklich, er war unentbehrlich. Überall, wo etwas geschah, zu dem Wohle der Gemeinde, er war tätig, er war da. Schützenfest, Kasinobälle, Pferderennen, Preisgericht, Liedertafel und Spritzenprobe, ohne ihn, da ging es nicht! Ohne ihn war nichts zu machen, keine Stunde hat er frei. Gestern, als sie ihn begruben, war er richtig auch dabei !“

Ihr Medicus