Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

14.02.2003

„Alzheimer: Tribut an den Fortschritt?“

Zahl der Demenzkranken steigt drastisch


Alzheimer: Tribut an den medizinischen Fortschritt? Zunahme der Demenz um 60 Prozent bis 2030.

„Noch so einen Sieg über die Römer, und ich bin verloren“, äußerte sich der griechische Feldherr Pyrrhus im 3. Jahrhundert v. Chr. nach einem Sieg, den er mit erheblichen Verlusten errungen hatte. Seitdem ist der „Pyrrhus-Sieg“ gleichbedeutend mit einem Erfolg, der mit einem so hohen Einsatz erkauft wurde, dass fortan keine Erfolge mehr möglich sind.

Ganz ähnlich verhält es sich mit vielen Errungenschaften der modernen Medizin. Sie produzieren Langlebigkeit, sind aber häufig mit einem Verlust an Lebensqualität, dem Auftreten neuer Erkrankungen und hohen Kosten verbunden. Hier ist insbesondere die Alzheimer-Krankheit (AD) zu nennen.

Nachdem jemand Herzinfarkt, Schlaganfall und Karzinom dank der unbezweifelbaren Fortschritte der modernen Medizin überstanden hat, droht der geistige Dämmerzustand zu Hause oder im Altenheim. Die Zahl der Demenzkranken wurde 1997 auf 1,18 bis 1,59 Millionen geschätzt und soll bis 2030 auf 1,89 bis 2,53 Millionen ansteigen.

Die Alzheimer Demenz kommt nicht von heute auf morgen, sondern schleichend. Typisch sind die Verhaltens- und Wesensänderungen: Gedächtnisstörungen, nachlassende Aktivität, sozialer Rückzug und verminderte Sorgfalt. Gewohnte Tätigkeiten wie Kochen, Ankleiden sowie die Verrichtung der häuslichen Arbeit fallen schwer. Auch treten Wortfindungsstörungen hinzu. Bekannte Begriffe werden wortreich umschrieben (semantische Paraphasien), vertraute Gesichter nicht mehr erkannt (Agnosie), Gegenstände falsch benannt, einfache Rechenaufgaben nicht mehr gelöst und Figuren nicht richtig abgezeichnet.

Gleichzeitig bestehen bei bis zu 70Prozent aller Erkrankten depressive Verstimmungen mit vermehrter Unruhe, Wahnsymptomen und Schlafstörungen. Bis zum Vollbild des „Alzheimer“ vergehen im Mittel acht Jahre. Das Erkrankungsalter hat entgegen früherer Auffassung keinen Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Ebenso ist die Unterteilung in Demenzen vor und nach dem 65. Lebensjahr verlassen worden.

Beide werden als „Alzheimer“ bezeichnet, der 60 Prozent aller Demenzen ausmacht. Die übrigen sind überwiegend gefäßbedingt, womit alle Spätfolgen der Arteriosklerose einschließlich Schlaganfall gemeint sind. In nur sieben Prozent aller Fälle liegt eine erbliche familiäre Alzheimer Demenz (FAD) vor.

Auslöser der AD sind Ablagerungen von krankhaftem Eiweiß (Amyloid), die zur Degeneration von Nervenzellen und Nervenbahnen führen. Biochemisch ist ein Mangel an Acetylcholin feststellbar, einem wichtigen Überträgerstoff in unserem Nervensystem. Gewisse Medikamente, insbesondere einige Antidepressiva, hemmen die Freisetzung von Acetylcholin und sollten bei AD daher nicht verordnet werden. Eine Frühdiagnose ist leider noch nicht möglich.

Bei Verdacht auf „Alzheimer“ sollten andere Erkrankungen wie Medikamenten- und Alkoholmissbrauch, chronische Infektionen, Hirntumoren, vaskuläre und neurodegenerative Erkrankungen(VD bzw. Morbus Parkinson), aber auch Depressionen ausgeschlossen werden.

Computertomographie und – mehr noch – Kernspin-Tomographie lassen die vaskuläre Demenz (VD) nach Schlaganfall von der Alzheimer-Demenz (AD) unterscheiden. Für die fortgeschrittene AD typisch ist die Hirnschrumpfung.

Welche Mittel stehen zur Bekämpfung zur Verfügung? Die positive Nachricht vorweg: Es werden eine ganze Reihe Medikamente angepriesen, von Donepezil über Akatinol bis hin zum allseits beliebten und viel rezeptierten Ginkgo biloba. Die negative „Message“: Kein Präparat hat bislang den Nachweis einer dauerhaften Besserung erbracht. Es wird lediglich von einer „Verlangsamung“ des Krankheitsverlaufs gesprochen.

Wichtiger ist es, die Angehörigen über Art und Verlauf des Leidens rechtzeitig aufzuklären und sie bei der Betreuung nicht allein zu lassen. Trainingsmaßnahmen auf der Basis von Memotechniken (Merk- und Gedächtnisübungen) mit verhaltenstherapeutischen Ansätzen helfen die geistige Leistungsfähigkeit wenigstens für eine gewisse Zeit aufrecht zu erhalten. Dabei sind auch Institutionen wie Tagespflege und Tageskliniken miteinzubeziehen.

Der Alzheimer-Patient überfordert langfristig auch die aufopferungsvollste Einzelperson. Die Betreuung – häufig rund um die Uhr – sollte immer auf mehrere Schultern verteilt werden. Was die Infektionskrankheiten im 19. Jahrhundert, Herz-/Kreislauferkrankungen und Krebs im 20. Jahrhundert für Europa und Amerika waren, das werden im Verlauf des 21.Jahrhunderts, was Anzahl und Kosten anbetrifft, die Demenzen sein.

Die AD ist vielleicht der Tribut, den die Menschen für die erst durch die Errungenschaften der modernen Medizin erreichte Langlebigkeit verrichten muss. Kann man persönlich überhaupt etwas gegen den „Alzheimer“ tun? Es gibt Hinweise darauf, dass geistig aktive Menschen seltener an AD erkranken.

Also, immer geistig rege bleiben!

Ihr Medicus