Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

"NW"-Kolumne "Ihr Medicus"


12.11.2009

Alte Bekannte und Verwandte

Erkältung, Infekt, Influenza oder Schweinegrippe


In den Praxen sammeln sich mehr und mehr Schniefnasen und anderweitig „Vergrippte“. Das hat der Herbst so an sich. Wann aber ist es eine banale Erkältung und wann eine „echte“ Grippe, sprich Influenza.

Eine harmlose Erkältung liegt immer dann vor, wenn keine oder nur geringe Temperaturerhöhungen bestehen und die Krankheitssymptome wie Kopf-, Hals-, Gliederschmerzen, Schnupfen und Husten gering sind. Dieser oftmals auch als Grippe bezeichnete Erkältungsschnupfen heilt mit oder ohne Behandlung.

Anders als im Englischen, wo es nur die Unterscheidung zwischen „common cold“, also Erkältung, und Influenza bzw. Flu (Abkürzung) gibt, hat sich der nebulöse Begriff „grippaler Infekt“ fest in die Terminologie der oberen Atemwegsinfekte im Deutschen eingebürgert.

Der banale Erkältungsschnupfen wird durch eine Vielzahl an Viren hervorgerufen und sollte primär nicht mit Antibiotika, sondern nur mit symptomlindernden Maßnahmen behandelt werden, wie abschwellende Nasentropfen, Analgetica sowie Flüssigkeits- und Vitaminzufuhr, insbesondere Vitamin C. Die „echte“ Grippe, also die Influenza, ist durch ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl mit hohem Fieber, Kopf-, Gliederschmerzen, trockenem Husten und Schüttelfrost kaum zu übersehen und sollte unmittelbar mit Tamiflu oder Relenza behandelt werden.

Die Übersterblichkeit der Bevölkerung in der kalten Jahreszeit ist überwiegend darauf zurückzuführen. Aber wir haben uns daran gewöhnt, obwohl die Zahl der Toten in die Tausende geht, ganz im Gegensatz zur Schweinegrippe. Letztere wird als Pandemie bezeichnet, weil sie sich über mehrere Kontinente ausgebreitet hat.

Humane Influenza und Schweinegrippe sind gewissermaßen „alte Bekannte und Verwandte“. Beide werden durch Influenza A Viren hervorgerufen, deren Erbmaterial sich rasch ändert (Genshift) und die sich in einer nicht immunen Bevölkerung aufgrund hoher Kontagiosität rasch verbeitet.

Im vergangenen Jahrhundert gab es drei große Pandemien: Spanische Grippe (H1N1) 1918 mit Millionen von Toten, Asiatische Grippe (H2N2) 1957 und die HongKong Grippe(H3N2) 1968. Aktuell befinden wir uns in einer neuen H1N1- Pandemie, also das gleiche Virus wie 1918. Dies ist die schlechte Nachricht!

Die gute Nachricht ist, dass wir Menschen in der Zwischenzeit schon Immunkompetenz ansammeln konnten und der verheerende Verlauf wie im 1.Weltkrieg, als die Bevölkerung ausgehungert war, nicht zu erwarten ist. Dafür spricht auch, dass vor allem jüngere, noch nicht immunkompetente Menschen befallen werden.

Es stehen rund 40 Millionen Impfdosen bereit zur Abnahme. Soweit bekannt, wollen nur 13 Prozent der Bevölkerung eine Impfung. Sogar das medizinische Personal, einschließlich Ärzteschaft, ist zurückhaltend. Ist es reine Unvernunft oder ein berechtigtes Unbehagen, was die Leute treibt?

Ich neige zur letzteren Antwort. Zum einen ist der Verlauf der Pandemie, zumindestens was unsere Breiten anbetrifft, recht milde.

Hinzu kommt eine beträchtliche Unsicherheit über potenzielle Nebenwirkungen des adjuvanzienverstärkten Wirkstoffs für die Kassenpatienten, im Gegensatz zum Impfstoff für Bundeswehr und Regierungsbeamte. Auch irritiert die Zurücknahme des Impfstoffes für Schwangere.

Für mich selbst habe ich entschieden: normaler Grippeschutz ja, Schweinegrippe- Impfung (vorläufig) nein. Falls die Zahl der am Schweinevirus Erkrankten vor Weihnachten rapide ansteigen sollte, ist immer noch Zeit.

Bis dahin gilt: auf jeden Fall gegen die normale Influenza impfen lassen, Hygieneregeln beachten, d.h. wenige Hände schütteln, häufig Hände waschen und Hustern ausweichen. Dann kommen Sie fast ganz sicher sicher über den Winter!

Ihr Medicus