Praxis Dr. med. Petro-Alexander Rarei, Arzt für Innere Medizin

Curriculum Vitae

„Geboren wird der Mensch als nasser. Ein Säugling ist fast durchwegs Wasser. Bis er, obwohl er saugt und säuft, auf dieser Welt sich trocken läuft. Erst wird er’s, meistens, hinterm Ohr - Zuletzt vergeht ihm der Humor. Und, leider, bis ins Mark verdorrt, lebt er Jahrzehnte lang noch fort.“ So beschrieb der von mir hochgeschätzte Kollege Eugen Roth in seinem Gedicht Hydrobiologie den Lebenslauf eines Menschen ironisch-sarkastisch im Allgemeinen. Im Besonderen und was meine Person anbetrifft, wurde ich aufgrund einer menschlichen Vorliebe beinahe im Trockenen geboren. Ich sollte nach dem Wunsch meines Vaters unbedingt in der westfälischen Kapitale Münster zur Welt kommen, kam aber quasi als Sturzgeburt schon in Ahlen/Westf. zur Welt. Das dortige Krankenhaus konnte mit dem Auto gerade noch erreicht werden, sonst wäre „Auto“ mein Geburtsort geworden. Mein Vater war 1 Jahr zuvor aus 5-jähriger russischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden. An die Ausübung seines erlernten Berufs als Chirurg war aufgrund seiner Kriegsverletzung mit Amputation des linken Unterschenkels nicht mehr zu denken. Als Prothesenträger war längeres Stehen am Operationstisch nicht mehr möglich. Er bewarb sich daher um eine der damals raren Stellen eines praktischen Arztes und bekam wegen seiner guten Ausbildung und der Kriegsverletzung den Zuschlag für Rahden, damals noch ein Dorf mit einem im Gegensatz zu heute noch riesigen Bahnhof- die Strecke nach Bremen/Bremerhaven war eine wahre Verkehrsader und Hauptnachschubweg der Amerikaner im kalten Krieg nach Süden.

Meine ersten Erinnerungen gehen auf die frühen 50iger zurück. Wir wohnten an der Bahnhofstraße, auf der neben aus heutiger Sicht vorsintflutlichen Automobilen auch noch jede Menge Pferdefuhrwerke ihre Lasten von und zum belebten Bahnhof beförderten. Ich kann mich noch gut erinnern an die zahlreichen Hausbesuche meines Vaters in der damaligen Zeit. Die Leute hatten kein Auto, Nahverkehrsmittel, Taxis waren Mangelware. Er fuhr oft mit seiner schweren Arzttasche auf seinem ebenso schweren Drahtesel(Rad) Marke Vaterland der Firma Miele mit quietschender Prothese auf Hausbesuche. Die Wegstrecken waren im alten Amt Rahden erheblich, nicht selten mehr als 10km. Eine technische Errungenschaft gegenüber dem 1-Gang- Miele- Drahtesel war dann schon ein Sachs Motorrad und vor allem eine echte Erleichterung für meinen Vater, der nicht mehr zu treten brauchte. Das erste Auto war ein DKWuppdich, wie wir ihn respektlos nannten. Ein stinkender Zweitackter, der beim Anlassen immer mit dem schwalbenschwanzförmigen Hinterteil wippte und vibrierte, daher wohl auch der komische Name. Dennoch, er war unser erstes gutes oder besser gesagt „richtiges“, weil sturm- und wetterfestes Fortbewegungsmittel. Insbesondere meine Mutter, die mittlerweile 3 Kinder und ihren Mann zu versorgen hatte, konnte besonders gut mit dem DKWuppdich umgehen. Die Gänge heulten nicht so auf, da die Kupplung beim Schalten nicht immer so abrutschte wie vom Holzbein meines Vaters. Als Frau und Pastorentochter hatte sie das nötige Händchen und Gefühl, Auto und Familie durch eine schwierige Zeit zu steuern. Ab Ende der 50iger wurde die allgemeine und wirtschaftliche Situation zunehmend besser. Ich war mittlerweile Volksschüler, wie es damals noch hieß. Bei der Einschulung waren wir über 60 I-Männchen/Frauchen und es gab noch eine Parallelklasse.

Mein Interesse für die Medizin wurde schon früh geweckt, dadurch dass mich mein Vater oft zu den Hausbesuchen mitnahm. Später trug ich ihm auch die Tasche, da das Gehen mit „Holzbein“ ihm zunehmend schwerer fiel. Ich bekam schnell und gründlich einen prägenden Einblick in die tägliche Hausarztpraxis der damaligen Zeit. Es war ein 24-Stunden-Dienst am Patienten, kein geregelter Notdienst und viele schwerkranke Fälle, die oftmals nur zu Hause behandelt und nur im äußersten Notfall eingewiesen wurden. Vor allem die damals in einer vorwiegend ländlichen Region häufig anfallenden Platzwunden, Abszesse und Knochenbrüche wurden von meinem Vater mit Hingabe versorgt und ließen sein Chirurgenherz höher schlagen. Aber auch die internistischen Fälle galt es zu versorgen. Viele ältere Herz- und Lungenkranke bedurften eines Hausbesuchs, da sie nicht mehr in der Lage waren, die Praxis aufzusuchen. Die orale Therapie mit Medikamenten gegen Herzmuskelschwäche, Bluthochdruck oder Asthma bronchiale war bei weitem noch nicht entwickelt und es mußte „gespritzt“ werden. Ich finde es auch heute noch faszinierend wie mein Vater mit seinen „Cocktails“ aus Strophantus gratus, Oleum camphoratum und Theophyllinum „Tote“ wieder zum Leben erweckte. Das Problem war nur: nach 24 Stunden waren die Wirkspiegel wieder abgeklungen und der Doktor mußte erneut ran, damit Oma oder Opa wieder Luft bekamen. Eine zuverlässige orale Therapie mit Tabletten und Inhalativa entwickelte sich erst in den 60igern.

1961 zogen wir um ins benachbarte, aufstrebende Espelkamp, wo meine dynamische Mutter einen günstigen Bauplatz für Haus und Praxis erworben hatte. Dort besuchte ich dann das Söderblom-Gymnasium, an dem ich 1968 mein Abitur machte. Die Schulzeit war für mich recht stressarm. Zum einen hatte ich einen extrem kurzen Schulweg von nur 5 Minuten, von unserem Haus direkt durch den Wald. Zum anderen blieben mir „Ehrenrunden“ und sonstige Kalamitäten erspart, ohne dass ich mich „verausgabte“. Die Schularbeiten wurden größtenteils immer gemacht, darüber wachte schon meine Mutter, aber dann Schultasche in die Ecke und auf den Bolzplatz. Im Frühjahr 1969 begann ich das Studium der Medizin in der schönen Metropole Unterfrankens, Würzburg. Beeindruckend wirkte auf mich als „Flachlandtiroler“ die Vielzahl schöner Bauwerke, die trotz der fast völligen Zerstörung dieses Kleinods Frankens durch den sinnlosen Bombenangriff am Ende des Krieges wieder in alter Pracht erstrahlten. Besonders angetan war ich von der imposanten Residenz , erbaut von Balthasar Neumann, dem Baumeister der beiden Fürstbischöfe Johann Philipp und Friedrich Karl Schönborn. Sogar Napoleon zollte Respekt, indem er vom schönsten Pfarrhaus Europas sprach. Das mit 600 qm größte frei schwebende Treppenhaus mit den herrlichen Deckenfresken des Venezianers Tiepolo wurde glücklicherweise im Krieg nicht zerstört. Von der Decke huldigen immer noch die damals bekannten 4 Erdteile und antike Gottheiten dem fränkischen Herrscher, der in einem Medaillon erscheint. Aber auch die trutzige Festung Marienberg, das Käppele oberhalb davon, Grafeneckart(Rathaus), Marienkapelle und das im überschwenglichen Rokkoko wiederaufgebaute Haus zum Falken faszinieren.

Das Studium der Medizin forderte am Anfang sehr. In der Vorklinik mußte ich tüchtig die Naturwissenschaften Chemie, Physik, Zoologie und Botanik pauken. Bis zum Physikum kamen dann noch Physiologie, Biochemie und Anatomie dazu. Als „Neusprachler“ tat ich mich anfangs schwer, im Gegensatz zu meinen bayerischen Kommilitonen, die oft naturwissenschaftlich vorgebildet waren. Letztendlich konnte ich Stoff und Physikum ordentlich bewältigen und bei Frankenwein und Nürnberger Bratwürstchen wurde gefeiert, auch der Abschied von Würzburg. Ich wechselte für 1 Semester an die Förde nach Kiel, wo mein Bruder studierte und ich gut unterkommen konnte. Das Sommersemester wurde dort nicht zu unrecht auch als Segelsemester bezeichnet. Anfangs waren die Vorlesungen voll. Je schöner die Tage wurden, desto mehr trieb es die Studiosi an die Strände und aufs Wasser. Immerhin machte ich alle Pflichtscheine und hatte kein allzu schlechtes Gewissen.

Zum Wintersemester wollte ich eigentlich an die Ludwig-Maximilian Universität in München wechseln. Leider fand sich keinen Tauschpartner, der für mich im Winter an die kühle Förde wechseln wollte und ohne Tauschpartner ging es nicht, die Münchner Uni war zu überlaufen. Mein Drang nach Süden konnte jedoch nicht im Mindesten verhindert werden. Es sollte Heidelberg sein, das für mich die nächsten 3 Jahre bis zum Staatsexamen zur Alma mater wurde. „Heidelberg, Du feine, Stadt an Ehren reich, keine Stadt, am Neckar und am Rheine, kommt Dir gleich“, sagt das Dichterwort. Und so empfand ich es auch. Das vom Krieg nicht zerstörte Heidelberg mit seinem malerischen Schloss, das über den verwinkelten Gässchen der Stadt thront, war genau die richtige Ergänzung zur Perle des Rokkoko Würzburg. Obwohl in etwa gleich groß, wirkte Heidelberg von Anfang an „internationaler“. Jede Menge Touristen, insbesondere aus Übersee, aber auch deutlich mehr ausländische Kommilitonen. Das Medizinstudium fand in einer Reihe von Instituten und Kliniken statt. Wir waren gewissermaßen ständig auf Achse. Als stolzer Besitzer eines R4 hatte ich wegen chronischer Parkplatzprobleme schnell eine ganze Reihe „Knöllchen“ an der Windschutzscheibe, die meinen schmalen Geldbeutel erheblich belasteten. Gut in Erinnerung sind mir noch einzelne Vorlesungen des Chefs der Inneren Medizin, Prof. Schettler, in der Ludolf-Krehl-Klinik über Fettstoffwechselstörungen und die besondere Rolle des Cholesterins für den Herzinfarkt, was damals ein Novum war. Schnell bekam er von uns den Spitznamen Professor „Fettler“, Heute wissen wir, dass er vollkommen Recht hatte! Denn der Mensch ist so alt wie seine Gefäße, und das hängt wiederum mit seinem „Fett“, sprich Cholesterin, zusammen. Als „Stupenten“, wie wir uns damals abwertend bezeichneten, hatten wir dafür noch keinerlei Verständnis. Dennoch, wir waren gewissermaßen für das Thema hinreichend sensibilisiert. An der Orthopädischen

Uniklinik Heidelberg Schlierbach begann ich im Wintersemester mit meiner Promotion über Zwischenfälle bei Spondylodesen (Versteifungsoperationen der WS). Gleichzeitig war ich zur Auffrischung meiner Geldbörse als Nachtwache tätig. Nie werde ich das erhabene Gefühl vergessen, als ich mit meinem noch recht neuen Renault R4 als 23-jähriger Bursche mit einer Sondergenehmigung die menschenleeren Straßen während des Ölboykotts 1973 befahren durfte und die auf den leeren Straßen spazierengehenden „Normalbürger“ mir den Vogel zeigten, so als wenn ich mich über sämtliche Verbote hinwegsetzen würde und von Tuten und Blasen keine Ahnung hätte, wie es so schön heißt. Die Doppelbelastung Nachtdienst plus Promotion war jedenfalls von Erfolg gekrönt und ich erwarb mit Abschluss meines Medizinstudiums mit Auszeichnung den Doktortitel. Das Staatsexamen im Sommer 1975 war gewissermaßen eine Routineangelegenheit. Nach der großen Hürde des Physikums war es eigentlich „obgligatorisch“, es zu schaffen, wiewohl der abwertende Spruch vom Physikum im Umlauf war:“ und sei der Mensch auch noch so dumm, so schafft er doch das Physikum“. Dem war anerkanntermaßen nicht so! Im Medizinstudium ist die große Hürde das Physikum, nicht das Staatsexamen- Letzteres ist gewissermaßen das Sahnetüpfelchen auf dem i. Immerhin, beides wurde geschafft und die Erleichterung war groß, sich nicht nach einem anderen Betätigungsfeld umschauen zu müssen. Danach kam die damals so wichtige Medizinalassistentenzeit. 2 Fächer waren Pflicht: Chirurgie und Innere Medizin, insgesamt 12 Monate. 4 Monate konnten auch in anderen Fächern abgeleistet werden. Ich begnügte mich mit den vorgegebenen Fächern . Nach Absolvierung der Medizinalassistentenzeit absolvierte ich verschiedene Assistentenzarztzeiten in Duisburg , Velbert und Wülfrath. Im Evangelischen Herminghausstift Wülfrath war ich fast 3 Jahre als internistischer Oberarzt tätig. Die Tätigkeit wird mir immer in Erinnerung bleiben, weil ich das volle Spektrum der Inneren Medizin erfahren konnte: von der Endoskopie, übers Röntgen, die Echokardiographie, bis hin zu damals seltenen Dopplersonographien der Gefäße.

1985 wurde unser Sohn Alexander geboren. Wir wohnten damals noch in Heiligenhaus und ich arbeitete seit 3 ½ Jahren als Oberarzt im Herminghausstift in Wülfrath während meine Frau Annegret ihr Referendariat an der Hauptschule in Heiligenhaus absolvierte. Eigentlich fühlten wir Drei uns recht wohl und hätten im schönen Rheinland durchaus bis an das Ende unserer Tage bleiben können. Auch die Übernahme einer Praxis im nahen Velbert war möglich. Die Bindungen an die ostwestfälische Heimat rissen jedoch nie ganz ab, was auch für meine Frau galt, die aus Espelkamp-Isenstedt stammte, wo Eltern und Schwester wohnten.

Im Sommer 1986 , kurz vor der Katastrophe von Tschernobyl, fiel dann nach längerer Abwägung und durchaus schweren Herzens die Entscheidung zur Niederlassung als Internist in meiner Heimatstadt. Da günstige Räume an der Breslauerstraße, die „Mainstreet“ Espelkamps, frei waren, zögerte ich nicht lange, obwohl die väterlichen Aktivitäten fast ¼ Jahrhundert zurücklagen, das Angebot anzunehmen. Anfangs war es fürwahr recht schwer und die Niederlassung tat einem weh. Der Tätigkeit als Oberarzt in der Klinik erschien im Nachhinein lukrativer, herausfordernder und sicherer. Dennoch, jeder Mensch braucht Veränderung!! Der Wunsch, mein eigener Herr zu sein, auch wenn sich das in mancher Hinsicht als frommer Wunsch erweisen sollte, war stärker als der Gelderwerbstrieb. Ich hatte auch ein wenig Glück. Nicht nur, dass ich eine Ehefrau hatte, die als Grundschullehrerin Geld verdiente und zum Unterhalt beitrug, sondern, dass ich auch gute Mitarbeiterinnen bekam , die mir halfen, die schwierigen Anfangsjahre zu bewältigen. Hervorheben möchte ich hier ganz besonders meinen ersten „Lehrling“ Michaela, die sich nicht nur im ersten Praktikumsjahr 1986 engagierte und bewährte, sondern die auch nach der Babypause von 2 Kindern bis zum heutigen Tag als zuverlässige Kraft unentbehrlich ist. Ein weiteres „Highlight“, oder Glanzlicht, um es in gutem Deutsch zu sagen, war dann Elvira. Sie war mir von einem Kollegen während des Umziehens in einem Tenniscenter empfohlen worden mit den Worten: „die Elli passt gut hinter Deinen Tresen“. Im ersten Moment empfand ich eine Empfehlung dieser Art als recht despektierlich. Es klangt irgendwie nach einer Mischung aus Shilo-Ranch und Reeperbahn. Nachdem ich sie als Mitarbeiterin kennen und schätzen gelernt hatte, war mir die Bedeutung klar: keine femme fatal, sondern jemand der führen konnte, ohne sich aufzudrängen, der gelassen reagierte wie ein Fels in der Brandung, wenn die montäglichen Wogen der Inanspruchnahme durch fordernde Patienten wieder einmal ihren kulminierenden Höhepunkt erreichten. Auch andere Mitarbeiterinnen wie Marga, die Schöne und immer Sanftmütige oder Katharina, die Gleichmütige und Belastbare sind mir in guter Erinnerung. Ein besonderes Exempel von Arzthelferin war eine andere Elvira, die ich von einem Kollegen kurz nach Abschluss der Lehre übernommen hatte. Sie war ein wirkliches Ass an Zuverlässigkeit und Dienstbereitschaft. Keinerlei Klagen meinerseits, bis zur Heirat. Danach kam sie plötzlich mit einem nicht ganz so feschen Kopftuch in die Praxis. Ich beschied ihr daraufhin, dass eine Praxis kein Ort religiöser Demonstration sein dürfe! Unter Tränen gestand sie, dass es der Wunsch ihres Mannes sei, dass sie das Kopftuch als Zeichen der Ehe trage. Falls ich darauf bestünde, es abzusetzen, müsse sie die Arbeitsstelle verlassen. Sie hat noch etwa ½ Jahr bis zu ihrer Niederkunft in meiner Praxis weitergearbeitet, auch wenn es mir schwer fiel! In Anbetracht ihrer tadellosen Mitarbeit wäre es aber eine unbillige Härte gewesen, sie unter der Bigotterie ihrer Angehörigen leiden zu lassen. In Zukunft habe ich aber bei jeder Bewerbung darauf geachtet, ob Kopftücher oder sonstige religiöse Zeichen für eine Person unverzichtbar sind und habe dann dankend abgelehnt.

Nach ca. 2 Jahren lief die Praxis und nach weiteren 2 Jahren „brummte“ sie. In 1993 zog ich um auf die andere Straßenseite oberhalb der Frhr.v.Stein Apotheke, wo mir genügend Räume zur Verfügung standen, und ich auch noch die Teilradiologie dazunehmen konnte, die sich im Nachhinein als gewaltige Fehlinvestition erwies. Der Wind blies von vorne. Röntgen war aus Kostengründen längst schon ungeliebtes und kostenträchtiges Kind der Kassenärztlichen Vereinigung. Also, weg damit! Einstweilen lief aber alles noch seinen kassenärztlichen Gang Trotz der ersten EBM-Reform(Einheitlicher Bewertungsmaßstab) 1993 verbesserte sich die Situation der Niedergelassenen nicht. Wir warteten wie der Münchener im Himmel immer noch auf die göttliche Eingebung. Aber wie beim Münchener blieb sie aus. Die Praxis lief trotz staatlicher an die Kassen weitergegebener Regulierung wie am Schnürchen und das, obwohl 2 jüngere Kollegen dazugekommen waren. Ein gewisser Schwund war festzustellen. Vornehmlich die sogenannten schwierigen Patienten wechselten und probierten anspruchsheischend den „Neuen“ aus, bis auch sie irgendwann merkten, dass jeder(Arzt) auch nur mit Wasser kocht und nicht jede Unpäßlichkeit zum Leiden des Jahrhunderts „hochgebeamt“ werden darf. Sicherlich, es gab auch echte Verstimmungen zwischen mir(Arzt) und Patient, die wie in einer langjährigen Beziehung schließlich in der Trennung mündeten. Wenn es sich nicht um ein Mißverständnis handelte war mir das sogar Recht. Ewige, nicht einsichtsfähige Nörgler und Meckerer, die obendrein alles besser wissen, sind mir ein Gräuel. Bei denen gilt die Devise: Reisende soll man nicht aufhalten. Interessanterweise wechseln aber nicht selten Patienten und ihre Angehörigen den Hausarzt, obwohl man sich über Jahre fürwahr gut verstanden hat und keine offensichtliche Mißstimmigkeit herrschte. Dann kann ich nur sagen: Undank ist der Welt Lohn“ , füge gleich aber (für mich) beruhigend hinzu: des Menschen Wille ist sein Himmelreich!

Jammern nutzt nichts, schon gar nicht im medizinischen Bereich. Dort verhält es sich nach der Devise: die Reformen kommen und gehen, das menschliche Leiden bleibt aber bestehen, und damit auch die Notwendigkeit, den Menschen zu helfen, was niemals kostenneutral sein kann, was der politische Raum uns immer einzuflüstern bemüht ist. Sicherlich sind die Resourcen im Gesundheitswesen begrenzt, auch hier gilt es zu sparen, aber , bitte schön, nicht am falschen Ende. Notwendige Medikamente, Heil- und Hilfsmittel müssen ebenso wie Operationen allen unabhängig vom Alter und den finanziellen Möglichkeiten frei verfügbar sein. Das „Budget“ ist nur unter einer streng kontrollierten Kosten-Nutzen-Relation als Waffe zu verwenden und nicht, was ärztlicherseits häufig moniert wird, als reine Kostendämpfung.

Meine medizinische Entwicklung ging trotz Budget, erneutem EBM-Wechsel(2004) und Degradierung zum hausärztlichen Internisten weiter. Nachdem zum vermeintlichen Wohl der medizinischen Versorgung eine scharfe Trennung zwischen Allgemein- und Fachärzten gezogen wurde, wechselte ich notgedrungen ins hausärztliche Lager, da ich auch weiterhin meine Patienten hausärztlich betreuen und nicht zum reinen Apparatemediziner degradiert werden wollte. Die politische Entscheidung hat bis zum heutigen Tag den Nachteil, dass die Patienten lange Wartezeiten für den Facharzt in Kauf nehmen müssen, da die Kompetenz vor Ort beschnitten oder aufgehoben wurde. Letzlich findet jeder, auch der Allgemeinmediziner oder wie es sachlich und fachlich korrekter heißen sollte, der Hausarzt, seine „Ökonische“, wenngleich auf einem pekuniär niedrigeren Niveau, was von den Kassen und dem politischen Raum wegen Mangels an Kasse auch beabsichtigt ist. Dennoch ist der Hausarzt unverzichtbar. Soll er doch Lotse bzw. „Gatekeeper“ sein, um es in Neudeutsch auszusprechen. Die vielen von den Krankenkassen initiierten Disease Management Programme, kurz DMP, wären ohne ihn nicht durchzuziehen. Zwischenzeitlich hat sich die Situation weiter verschlechtert. Das einstmals heißbegehrte Medizinstudium verzeichnet einen Rückgang an Bewerbern. Der Abiturnotenschnitt, der einstmals fast im Minusbereich liegen musste, um überhaupt eine Zulassung zu bekommen, sinkt ständig. Noch schlimmer: von den Absolventen der Hochschulen streben nur noch rund 40% in die freie Praxis und davon die wenigsten aufs Land. Viele gehen nach Skandinavien, England, die Schweiz, Kanada oder die USA, gewissermaßen des schnöden Mammons und last but not least der besseren Arbeitsbedingungen wegen. Der Ärztenotstand ist da und keiner hat’ s gemerkt, geschweige denn geglaubt. Hinzu kommt, was eigentlich positiv zu vermerken ist, dass auch das Medizinstudium langsam eine weibliche Domäne wird und Frauen, die eine Familie gründen wollen, einen geregelten Nachtdienst und einen zeitlich auf 8 Stunden limitierten Arbeitstag haben wollen, was auch nur recht und billig ist, da für andere Berufsgruppen selbstverständlich. Warum soll der medizinische Berufsstand generell mehr belastet werden als andere Berufszweige. Und wenn, dann sollte auch ein entsprechendes Entgelt folgen. Diesbezügliche Regelungen werden aber erst in gehörigem Abstand zur Bundestagswahl am 27.09.09 folgen. Andernfalls werden auf dem Land und auch in den kleinen Städten die Ärzte ausgehen, die bei dem vielbeschworenen und langsam über uns hereinbrechenden demokratischen Wandel dringend benötigt werden. In einer Kleinstadt wie Espelkamp mit knapp 28000 Einwohnern konnten in den letzten 8 Jahren insgesamt 3 Arztpraxen nach Pensionierung(1) und Ableben(2) des Inhabers nicht mehr besetzt werden.

Soweit, so schlecht! Dennoch, Trübsal blasen nutzt nichts. Es wird wieder in die Hände gespuckt! Wir steigern zwar nicht unbedingt das Bruttosozialprodukt, wie es in einem alten Ohrwurm aus den 70igern so schön heißt, aber wir werden mehr denn je gebraucht, tun etwas Gutes und haben als notorische Optimisten und Idealisten auch noch Spaß an unserem Beruf!

P.-A.R